Gemeinde Autor Leuninger Eckart

Themen der 
(katholischen) Gemeinde

(Zukunft Kirch und Gemeinde)

 

Ernst Leuninger

Zur Situation in der Kirche und Gemeinde, Versuche zur Analyse und Rekonstruktion (1.10.2011)

In den letzten 50 Jahren hat sich die Kirche gewaltig verändert. Es gibt positive und negative Signale dieser Veränderung. Hat Gemeinde als Kirche noch eine Zukunft? Hat  die Kirche noch Zukunft?

Jugendliche: Unter Katholiken glauben nur noch 32% an einen persönlichen Gott mit stark fallender Tendenz. Bei evangelischen Christen sind es 26%.  Bei anderen, wohl überwiegend Muslime und andere christliche Gruppen noch 57%.

Nur noch 38% der Erwachsenen glauben an die Auferstehung Jesu. An einen persönlichen Gott immerhin um 60%.

Ich denke aber auch noch an die Einbrüche, die die Diskussion um den Kindesmissbrauch ergeben hat.

Im Vormarsch ist die religiöse Unsicherheit. Es bildet sich eine Religiosität ohne Gott und Kirche. So wächst der Glaube an eine Seelenwanderung anstelle von Auferstehung.

Zur Situation der Gemeinden

Nehmen wir z.B. den Kirchenbesuch, dieser ist dramatisch eingebrochen. 1960 dürften in Landgemeinden teilweise noch 70% regelmäßig zur Heiligen Sonntagsmesse gegangen sein. Jetzt sind es etwa 15%. Der Gottesdienstbesuch hat sich auf weniger als ein Viertel in unseren Landgemeinden reduziert, das ist nicht nur bei uns so, sondern ein deutsches, wenn nicht sogar ein westeuropäisches Phänomen. Dabei muss aber berücksichtigt werden, dass die Zahl derer, die nicht mehr jeden Sonntag zu Messe gehen, aber sehr oft doch, die Zahl der regelmäßigen Kirchenbesucher auf 25-30% steigern dürfte.

Positiv dürften das Anwachsen der ehrenamtlichen Dienste und die Mitsprache der Laien an den Entscheidungen der Kirchengemeinde sein. Die Gemeinden haben sich innerlich sehr verändert.

Sind es heute etwa von 1000 etwa 160 Gottesdienstbesucher, so gibt es in den vielfältigen Gruppierungen auch in einer solchen Landpfarrei über 300 Mitglieder, davon etwa die Hälfte ehrenamtlich engagiert. Das ist ein erstaunliches Phänomen. Ich nenne einige: Kirchenchor, Ministranten, Lektoren, Kommunionhelfer, Famliengottesdienstkreis, Jugendtreffen, Caritaskreis, Pfarrgemeinderat und Ausschüsse und Kirchenvorstand und Verbände. Das Ganze ist vernetzt mit den vielfältigen Aktivitäten der örtlichen Gemeinde, nicht durch personelle Identität werden hier unsere Gemeinden in der Verzahnung der Netzwerke von Kirchen- und örtlicher Gemeinde zu einer missionarischen Kirche. Deshalb muss uns am Aufbau solcher Gruppen sehr gelegen sein.

Es fehlen vor allem in der Kirche die jüngeren Leute, Kinder, Jugendliche und ihre Eltern, also die Familien. Hier liegt oft auch ein neues Verständnis von Religion vor. In einer Jugend-Studie von 2006 heißt es von den Glauben der Jugendlichen an Gott: „Es gibt einen persönlichen Gott“ glauben nur noch 30 %.

Hier resultiert auch der gewaltige Einbruch an Priesterzahlen. Zu meiner Zeit (1959) waren es 10-15 pro Jahr, die geweiht wurden, heute ist es oft nur einer. Hier müsste die Kirche den Mut haben, neue Wege zu gehen.

Gründe für diese Entwicklung und Antworten

Manche sagen das Konzil sei daran schuld. Damals wurden die Zeichen der Zeit erkannt, ist das auch heute so? Es waren wohl eher die Änderungen der gesellschaftlichen Verhältnisse, mit denen Kirche oft nicht umgehen kann.

1. Die Säkularisierung, die uns in den Abgrund zu stürzen droht, wird hinterfragt auf die Existenz eines Gottes, der in Jesus zu uns gekommen ist. Eine Offenheit in diesen Fragen wächst, wenn auch in den seltsamsten Formen von selbstgebastelten Religionen bis hin zum Hexenkult. Wir müssen gerade bei der jüngeren Generation dran bleiben. Z.B. durch mehr inhaltliche Ministrantinnen-Arbeit. Wir gehen auf eine Welt ohne Gott zu. Dem muss gegengesteuert werden.

 

Wir müssen Jungend, Familien und den Menschen wieder Gott nahe bringen, das geschieht in der MinistrantInnenarbeit, in Familienarbeit in Jugendarbeit.

Interessanterweise stabilisiert sich die Kirchenmitgliedschaft, auch die Kindertaufe und die erste Kommunion sind sehr stabil, die Eintritte nehmen leicht trotz der Krise diesen Jahres mit erhöhtem Austritt zu, trotzdem kann man nicht von einer Wende sprechen. Aber irgendeine Sicherheit suchen die Menschen doch.

 

2. Was sind weitere Gründe für eine solche Entwicklung? Ende der 60er anfangs der siebzige Jahre waren bei uns unruhige Jahre. Ich meine nicht nur den Terrorismus von damals, sondern den Prozess der Vereinzelung korrekt Individualisierung. Die Menschen entwurzelten sich aus sozialen Systemen, in denen zumeist ihr Verhalten vorgeben war. Die amerikanische Soziologie spricht von „enbedding“, Entwurzelung, sie muss durch Personifikation überwunden werden, indem ich du sage und alle wir. Damit gewinnt der Mensch im Angesicht zu Angesicht (face to face) eine neue Verwurzelung im Nächsten. „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“. Dies geschieht dann in der Gruppenbildung. In  größeren Räumen ohne solche Netzwerke geht die Entwurzelung weiter. Das Konzil hat für die Mitlieder der Kirche bewusst den Begriff des Volkes Gottes gewählt, die die Kirche ausmachen und tragen, die Gläubigen selbst.

In der Individualisierung spielt die Gruppenbildung eine große Rolle. Glauben muss von Angesicht zu Angesicht geschehen. Gemeinden müssen zu Netzwerken von vielfältigen Gruppen werden. Da wird das Wort der Bibel wirksam: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen (Mt.18, 20)“. Das wird am ehesten auch in der sonntäglichen Eucharistie deutlich, die diese Netze von Gruppen miteinander und mit Jesus verbindet, dieses den Gemeinden zu nehmen könnte eher einen weiteren dramatischen Rückgang initiieren. Diese Netzwerke der kirchlichen Gemeinde sind mit denen der weltlichen verbunden und wirken so missionarisch.

3. Die Menschen wollten über ihr Verhalten selbst entscheiden. Das dritte Element der Veränderung ist die Befreiung = Emanzipation der Menschen. Gemeinde (der Begriff kommt von ecclesia=Kirche) ist nicht mehr einfach flächendeckend. Das Volk Gottes findet sich in neuen Formen zur Gemeinde in der Kirche vor Ort, zusammen und trifft hier auf andere z.B. Christen in der Ökumene. Diese Befreiung betraf auch den Raum der Kirche aber vor allem auch die Sexualität. Papst Paul VI. musste mit seiner Pillenenzyklika erfahren, dass sich die Gläubigen nicht mehr daran hielten. Sie wollten das tun, was sie in ihrem Gewissen verantworten konnten. Das galt dann auch von anderen kirchlichen Geboten wie der Sonntagspflicht. Ihr Verhältnis zu Gott wollten sie selbst gestalten. Die deutschen Bischöfe waren damals mit ihrer Königsteiner Erklärung näher dran.

Es geht um das Gewissen des Einzelnen. In diesem steht der Einzelne vor Gott. Hier muss er seine Entscheidungen treffen und leben.

Das führte aber auch zu Überforderungen. Man möchte sich manchmal auch anlehnen können. Menschen müssen miteinander ins Gespräch kommen, was wirklich wichtig ist, vor allem auch über den Sinn ihres Lebens, der sich im Glauben dokumentiert.

Dazu bedarf es menschennaher Beziehungen, soziale Netzwerke, in denen Menschen sich aufgehoben wissen, so z.B. in den Gruppen der Pfarrei. Die Vernetzung dieses Netzwerkes insgesamt geschieht vor allem im ortsnahen Gottesdienst, der immer mehr in Frage gestellt wird.

In einer kirchlichen Situation wo mehr und mehr in Räumen gedacht wird, darf diese menschennahe Pastoral an der Basis nicht unterschätzt werden. Hier werden die Menschen wieder verwurzelt. Die sogenannten Großpfarreien sind subsidiarisch zu sehen, sie haben diese Netzwerke an der Basis zu unterstützen.

Befreiung wird vertieft durch Selbst- und Nächstenliebe. Das schafft Friede von innen her. Unsere Liebe, die die Weltkirche auch in den großen Hilfswerken erfährt, ist ein ausgezeichnetes Glaubenszeugnis und ein Weg zum Frieden auf der Welt.

Dies führt zu einem Leben in Hoffnung und Zuversicht, die letztlich Freude schafft. So wird Gemeinde als das im Glauben vernetzte Volk Gottes vor Ort in vielen Gruppen mit Menschen die persönlich Beziehungen zueinander haben und nicht in unpersönlichen Räumen, auch über diese kritische Situation hinaus, die einen tiefen Umbruch darstellt, eine Zukunft als missionarische Netzwerk verknüpft mit den örtlichen Zivilgemeinden indem es die Offenheit der Menschen für den Himmel darstellt. Pfarrei kommt theologisch auch von „paroikia“, die hier keine Heimat haben, deren Heimat aber im Himmel ist.

 

Schlussgedanken

Negativ: Das Verhältnis zur Kirche ist labil geworden. Dass bei als negativ empfundenen Entscheidungen der Kirchenleitung und Negativdebatten, wie die Missbrauchsdebatte, zu erhöhten Austrittszahlen kommt ist so eher verständlich.

Positiv: Die gesellschaftliche Situation der Gemeinde muss in den Blick kommen. Ihre Freuden und Leiden. So möchte es die Sozialpastoral im Sinne Jesu: Den Armen eine frohe Botschaft zu bringen(Lk 4,18). Glauben will Freude bereiten, nicht zuerst Moralängste erzeugen. Es gilt die Christen im Sinne des Reiches Gottes  mit seiner Option für die Armen zu beeinflussen. Kinderarmut, Probleme der Arbeitslosigkeit, der oft anzutreffenden Armut der Frauen im Alter und sollten zum Ausgangspunkt des pastoralen Handelns gemacht werden. Aber auch alle anderen Sorgen.

Unsere Gemeinden müssen die Not und Sorgen der Menschen vor Ort und weltweit in ihrem pastoralen Handeln in den Blick nehmen und versuchen, sie im Sinne des Evangeliums in Freude zu verwandeln. Hier sind unsere Gemeinden und die Kirche insgesamt gefragt.

 

 

 

 

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