Katholische Soziallehre - Catholic social teaching
Artikel 4


Dr. Ernst Leuninger 65549 Limburg/L., 20.07.04

Wir können nicht schweigen…“, Katholische Arbeiter-Bewegung im Widerstand zum 3. Reich

 

Der Widerstand von Kirchen und Christen im 3. Reich

Zum 60. Gedenktag des 20. Juli 1944

 

Der Widerstand von Kirchen und Christen im 3. Reich. 1

0. Einleitung. 1

0.1 Persönliche Hinführung. 1

0.2. Was ist Widerstand? -  Begriffsklärung. 1

1 Nicht anpassen. 2

2. Dagegen reden. 6

2.1 Priester und evangelische Pfarrer 6

2.2 Kirchenleitende Amtsträger 7

2.2 Etwas schwieriger war die Haltung der evangelischen Kirche. 15

3. Änderung planen. 15

3. 1 Am  Beispiel der Katholischen Arbeiter-Bewegung (KAB) 15

3.2 Aus der evangelischen Kirche Dietrich Bonhoeffer und Martin Niemöller 21

4. Ergebnisse. 23

5. Literaturverzeichnis. 24

 

Der Widerstand von Kirchen und Christen im 3. Reich

Zum 60. Gedenktag des 20. Juli 1944

0. Einleitung

0.1 Persönliche Hinführung

Es war in Frühjahr 1944 in Mengerskirchen, einem Dorf im Westerwald, in das wir vor den Bomben in Köln geflüchtet waren. Mein Onkel Franz war aus Breslau zu Besuch. Meine Mutter fragte ihn beim Abschied: Franz, das kann doch so nicht weitergehen, es muss doch was passieren. Antwort: Es wird etwas passieren und wenn die Besten unseres Volkes ihr Leben dabei riskieren. Er hat es dabei ja auch durch Hinrichtung in Plötzensee am 1. März 1945 verloren. Wir durften das als Kinder nicht hören, hatten es aber mitbekommen. Wir wussten aber genau, dass ein solches Wissen tödlich war und wir keineswegs darüber sprechen durften. Und wir waren schon als Kinder (ich war 11) der sicheren Auffassung: „Jetzt sind die Juden verfolgt, wenn Hitler den Krieg gewinnt, dann sind die Katholiken dran. Das dies nicht ganz aus der Luft gegriffen war, beweist eine Tischrede Hitlers von 1941: „Ich würde in den Vatikan einmarschieren und die ganze Gesellschaft herausholen! Und würde dann sagen: ‚Verzeihung, ich habe mich geirrt.’ Aber sie wären weg.“ [1] Für mich war nach dem Krieg, als das ganze Ausmaß des Grauens deutlich wurde und wir uns schämten bis auf den heutigen Tag, Deutscher zu sein, so Personen wie man Onkel und andere aus dem Widerstand eine ungeheure moralische Hilfe für mein Selbstverständnis. Ich kann also heute noch nicht „objektiv“ darüber reden, ich bin immer noch betroffen davon. Das vorab.

0.2. Was ist Widerstand? -  Begriffsklärung

Widerstand ist ein differenzierter Begriff. Ich wende ihn hier auf drei Ebenen an.

Widerstand bedeutet für mich:

  1. Nicht anpassen
  2. Dagegen reden und handeln
  3. Änderung planen und nach Möglichkeit herbeiführen

Dabei wird dies auf Einzelne, Gruppen und Systeme angewandt.[2]

1 Nicht anpassen

In diesem Bereich dürfte das katholische Milieu am stabilsten gewesen sein. Eine Analyse der des Wahlverhaltens 1932 und später macht die deutliche Aussage, dass die Nationalsozialisten überwiegend nicht von den Katholiken gewählt wurden.

Die Katholiken zählten 20,2 Millionen (32,4 %) von 62 Millionen Einwohnern. Schwerpunkte waren das Rheinland, Bayern ohne Mittelfranken und Oberschlesien. Die Wahlkarte der letzten freien Wahl vom Juli 1932 zeigt, dass die Katholiken überwiegend Hitler nicht gewählt haben.[3]

Nach der Karte des Wahlverhaltens von 1932. Unter dem Durchschnitt von 37,4% im Reich, exakt unter 30% liegen die katholischen Gebiete, diese Karte ist invers zur vorherigen. Das Zentrum und die bayrische Volkspartei konnten nochmals 8 Mandate zulegen (insgesamt 98). Die NSDAP erreichte 230 von 607 Reichstagsmandaten. Dies war noch eine freie Wahl mit dem besten Ergebnis für Hitler.

Die Wahl 1933 am 5. März war nur noch eingeschränkt eine freie Wahl (z.B. wurde die Benutzung von Wahlkabinen als suspekt betrachtet). Sie brachte ein Ergebnis von 43,8% für die NSDAP. Vo den katholischen Gebieten ist abgebröckelt Baden, Oberschlesien und Oberbayern. Da dürfte auch mit an dem Einfluss der dortigen Bischöfe gelegen haben.

Insgesamt kann aber gesagt werden, dass die katholische Bevölkerung sich am meisten der NSDAP widersetzte, diese innere Ablehnung nahm kurzzeitig durch das Konkordat noch einmal ab, steigerte sich aber je mehr der Druck zunahm. Das zeigte sich in den verschiedensten Formen, z.B. in den Schwierigkeiten die nationalsozialistische Organisationen in diesen Gebieten unter anderem die Jugendorganisationen dort hatten, obwohl die katholischen Jugendorganisationen bekämpft und aufgelöst wurden, und in den großen Männerwallfahrten, die ein sichtbarer Ausdruck von Protest waren.

Es gab offensichtlich noch ein stabiles katholisches Milieu. Dies war nach der Zeit der Säkularisation vor allem von Laien gebildet worden. Dazu gehörten katholischer Schulen, katholische Parteien, wie Zentrum und bayrische Volkspartei, die Veröffentlichungen zur katholische Soziallehre durch den Volksverein in Mönchengladbach (bis zu 5 Millionen Exemplare pro Veröffentlichung), die christlichen Gewerkschaften, die katholischen Verbände (wenn auch im 3. Reich in unterschiedlicher Form) und vor allem auch ein Pfarrerschaft, die Vorkämpfer dieses Milieus waren. Sie standen nahezu zu 100% gegen die NSDAP, es gab nur ganz wenige Parteimitglieder unter ihnen, so im Bistum Limburg. Dieses Katholische Milieu war in der Weimarer Zeit über das Zentrum und die Bay. Volkspartei erstmals staatstragend geworden. Es bleib durch die ganze Zeit bei allen Einbrüchen im Kern das größte ablehnende Potential im 3. Reich in Deutschland.

Ab 1934 verschwand die mancherorts entstandene wohlwollende Beurteilung des neuen Systems weithin in der katholischen Bevölkerung. Die kritische  Einstellung bekam wieder überwiegend Vorhand. Das zeigte sich in einer geringeren Bereitschaft, nationalsozialistischen Organisationen beizutreten. Kampf gegen die Bekenntnisschulen, den Religionsunterricht und Schulenteignungen, Auflösung von Vereinen, und Verleumdungskampagnen gegen den Klerus hatten daran ihren Anteil.

In der Zerstörung dieses Milieus setzt der Kirchenkampf des 3. Reiches an. Obwohl das Zentrum und die Bayr. Volkspartei dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt hatten, wurde sie aufgelöst. Die Christlichen Gewerkschaften wurden verboten. Die  Verbände wurden auf innerkirchliche Themen eingegrenzt, Doppelmitgliedschaft verboten und vor allem die KAB bekämpft und aufgelöst. In der evangelischen Kirche gab es aus historischen Gründen dieses Milieu nicht, trotzdem gelang es durch den Widerstand vor allem der bekennenden Kirche letztlich nicht, ein „deutsches Christentum“ aufzubauen.

Die größte Wallfahrt  Katholischer Arbeiter fand dann am 30. Januar 1935 als „Dreikönigen-Wallfahrt“ in Köln statt. Dazu strömten mehr als 30.000 Arbeiter aus Westdeutschland und von der Saar zusammen. Die neuen Gebete und Sprechchöre hatten aber auch eine eindeutig politische Funktion und wurden von nationalso­zialistischer Seite als glatte politische Aktion bezeichnet.

Über die Kettelerwallfahrt nach Main berichtet ein Teilnehmer: „Am Nachmittag in Mainz angekommen, schlossen wir uns am Bahnhof der gewaltigen Prozession mit Hunderten von Bannern an und zogen durch die Mainzer Altstadt zum Dom. Im Dom warteten wir dann betend auf die Bergknappen, die mit dem Licht zum Grabe Kettelers unterwegs waren.

Und kaum waren die Bergknappen aus dem Ruhrgebiet angekommen, wurden wir aufgefordert, den Dom zu verlassen, um uns auf dem Domplatz über Lautsprecher eine Rede Adolf Hitlers anzuhören, der über alle Sender Deutschlands seine Politik der Gewalt zu rechtfertigen ve­rsuchte. Die Feier wurde auch unte­rbrochen, um keinen Aufstand zu riskieren. Die anderthalb-stündige Führerrede wurde schweigend hing­enommen und geduldet. Aber nicht alle  sind der Aufforderung  gefolgt und sind betend im Dom geblieben.

Kaum war das letzte Wort Hitler's verklungen, - es war schon spät am Abend - fingen die Domglocken an zu läuten und alle strömten wieder zurück in den Dom. Nun konnte endlich die Feier beginnen, die so ungewollt zur Mitternacht­sfeier geworden war.“[4].

Die Anpassungsbereitschaft war bei evangelischen Christen entschieden größer. Es gab „braune Pfarrer“ die mit der SA-Uniform auf die Kanzel gingen. Es gab aber auch Widerstand dagegen. Der evangelische Volksteil war eher deutschnational gesinnt und hatte den Zusammenbruch des alten Systems 1919 noch nicht verarbeitetet. Sie waren damals von der Staatsautorität abhängig, das Kirchenregiment des Staates brach damals zusammen. Insgesamt spielte auch die Auslegung des Paulusbriefs an die Römer eine Rolle: 13.1-5 13:1 „Jeder leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam. Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt; jede ist von Gott eingesetzt. 2 Wer sich daher der staatlichen Gewalt widersetzt, stellt sich gegen die Ordnung Gottes, und wer sich ihm entgegenstellt, wird dem Gericht verfallen. 3 Vor den Trägern der Macht hat sich nicht die gute, sondern die böse Tat zu fürchten; willst du also ohne Furcht vor der staatlichen Gewalt leben, dann tue das Gute, so dass du ihre Anerkennung findest. 4 Sie steht im Dienst Gottes und verlangt, dass du das Gute tust. Wenn du aber Böses tust, fürchte dich! Denn nicht ohne Grund trägt sie das Schwert. Sie steht im Dienst Gottes und vollstreckt das Urteil an dem, der Böses tut. 5 Deshalb ist es notwendig, Gehorsam zu leisten, nicht allein aus Furcht vor der Strafe, sondern vor allem um des Gewissens willen“.

Die staatliche Autorität spielte insgesamt eine größere Rolle. Eine evangelische Soziallehre konnte bis dahin nie entwickelt werden. Der Berliner Hofprediger Stöcker wollte im 19. Jahrhundert einen Arbeiterverein gründen und landete im Antisemitismus. Aber auch im evangelischen Volksteil verstärkte sich in einigen Kreisen im Verlaufe der Zeit der innere Widerstand. Das begann schon 1933, als die neuen Machthaber der evangelischen Kirche sich weithin gleichschalteten und viele beliebte Amtsträger in die Wüste schickte, um sich selbst an ihre Plätze zu setzen. [5]

2. Dagegen reden

2.1 Priester und evangelische Pfarrer

Wir wussten als Kinder damals genau, dass man nicht in der Öffentlichkeit gegen das System reden durfte. Ich hatte 1944 als 11-jähriger auf dem Speicher ein neues Testament entdeckt, die Apokalypse interessierte mich. Das Untier war für Hitler: Das zu erzählen hätte für meine Mutter KZ bedeuten können. Ich sage das, um das Klima zu kennzeichnen.

Trotzdem wurde in engen kirchlichen Kreisen im vertrauten Umfeld viel dagegen geredet. Mancher hat dafür mit Gefängnis und schlimmeren rechnen können. Besonders beobachtet wurden ja die Pfarrer. Ich habe in Köln erlebt, dass unser beliebter Pfarrer nach dem Hochamt abgeholt wurde, er hatte Glück. Er wurde nur aus dem Erzbistum Köln verbannt. Oder eine anderer Pfarrer, der in der Katechese den Kinder sagte: Ich habe die Kirchenchenzeitung (wegen Gleichschaltung) abbestellt, sagt das daheim. Wegen dieser und anderer Äußerungen kam er ins KZ. So ist es vielen gegangen. Anbei die Statistik eines Jahres (wohl 1935). Die Höhepunkte waren für Kath. Geistliche die Jahre 1935, 1937 und 1941. In diesem Jahr wurden gegen sie 349 KZ-Strafen verhängt.

 

Verwarn-ungen

Rede-verbote

Aufenthalts-verbote

Schutz-haft

Strafanzeigen

Verurteil-ungen

Einstel-lungen

Evang.

Geistliche

170

18

61

8

1441

10

2760

Kath.

Geistliche

269

19

39

64

815

59

1271

zusammen

439

37

100

72

2256

69

4031

Gegen Priester und Ordensleute wurden Prozesse wegen sittlicher Vergehen angestrengt. Dies waren Schauprozesse die von der gleichgeschalteten Presse hämisch kommentiert wurden. Man versuchte den Klerus zu kriminalisieren. Kirchlichen Zeitungen wurden gleichgeschaltet oder verboten. Priester und Pastoren die sich oppositionell äußerten wurden verhaftet und in Konzentrationslager verbracht (wie zum Beispiel Pfarrer Martin Niemöller). In Polen wurden etwa die ein Fünftel der Priester von den Besatzern ermordet. 1760 polnische Priester waren in Dachau, 860 starben, darunter 3 Bischöfe. Die nationalsozialistische Kirchenpolitik zeigte sich ganz unverhüllt im so genannten Warthegau in dem verordnet wurde, dass es keine Kirchen, sondern nur noch Kirchengesellschaften im Sinne von Vereinen gibt.

3000 Priester aus den verschiedensten Ländern waren im KZ Dachau. 1000 sind an Verfolgungen gestorben. Allein in Schloss Hartheim (Euthanasie) bei Linz, in das aus dem KZ Dachau arbeitsunfähige und kranke Gefangene sowie jüdische Häftlinge und Angehörige der Roma transportiert wurden, ermordete das NS-Regime 520 Priester und Ordensleute.

In den so benannten "Pfarrerblock" des KZ Dachau wurden Tausende Ordensleute, Priester, evangelische Pfarrer und christliche Hochschullehrer aus ganz Europa verschleppt. Dachau war das erste Konzentrationslager des Dritten Reichs, aber auch "das größte Kloster der Welt", wie es Jean Bernard in seinen Erinnerungen "Pfarrerblock 25487 " beschreibt. [6] In Dachau starben auch 350 evangelische Pfarrer. Die meisten deutschen dürften aus dem Pfarrernotbund und der „Bekennenden Kirche“ gewesen sein.

Hinzu kommen noch unzählige Laien. Allein im Martyrologium der deutschen Kirche sind fast 350 Priester und Laien aus Deutschland aufgeführt, die um des Einsatzes aus ihrem Gewissen und ihrem Glauben ihr Leben lassen mussten.

In einer im Sommer 1996 erscheinenden Untersuchung werden über 38.000 Maßnahmen (Verhör, Verwarnung, Geld- und Freiheitsstrafen, Ausweisung, KZ-Haft z.B.) gegen Priester und Ordensgeistliche und mehr als 26.000 so genannte Vergehen dokumentiert

1933 erklärte der evangelische Generalsuperintendent von Brandenburg Otto sagte, dass die meisten Pfarrer am 8.3.1933 Hitler gewählt hätten. Trotzdem entwickelt sich schon 1933 intensiver Widerstand.

2.2 Kirchenleitende Amtsträger

Auch hier gibt es zwischen katholischen und evangelischen Amtsträgern einen Unterschied, aber auch Entwicklungen.

Vor der Machtergreifung lehnten die katholischen Bischöfe in Deutschland den Nationalsozialismus eindeutig ab, sie erklärten ihn sogar für häretisch und nicht wählbar.. Hitler lehnte die Kirchen vor allem wegen ihrer „Mitleidsmoral“ und ihrer jüdischen Tradition ab, er wollte eine neue Religion. Dies zeigte er aber vor 33 nicht offen, weil er sie für die Wahl benötige.

Ziel der Bischöfe war es nun, die Stellung der katholischen Kirche in einem Konkordat zu sichern. Dadurch glaubte man sich besser rechtlich abgesichert. April 1933 bemühte sich die Reichsregierung um ein Konkordat, um das die Kirche schon früher gerungen hatte. Am 20. Juli wurde das Konkordat unterzeichnet. Es hatte aber viele mehr Rücknahmen der Kirche erfordert.

Mit dem Konkordat war die Selbstverwaltung der Kirche gesichert, die Bekenntnisschulen durften weiter bestehen, das Bekenntnis sollte frei sein. Der politische Katholizismus fand aber damit ein Ende, denn die Arbeit der Verbände musste sich im Wesentlichen auf religiöse fragen beschränken. Aber schon im Herbst 1933 stellten die Bischöfe fest, dass das NS-Regime das Konkordat fortwährend brach. Für die Kirche brachte das Konkordat wenig, aber dem NS-Staat völkerrechtlich größere Anerkennung. Die Kirche lebt auch in der ständigen Sorge, dass zu forsches Auftreten zur Aufkündigung des Konkordates durch den Staat führen könnte. Nach dem Konkordatsabschluss änderte sich die Haltung der Bischöfe, sie hatten schon früher ihrer Verbote aufgeben. Jetzt waren sie um Kooperation bemüht.

Eine Tragik für viele gute Katholiken war es, dass aus Anlass des Konkordatsabschlusses die Kirchen beflaggt wurden mit der Nazifahne. Ein Pfarrer in Frankfurt weigerte sich, er musste ins Gefängnis. Mit ihm wurde eine ganze Jugendgruppe verhaftet und bei einem bis in den Tod getrieben. Als der Pfarrer frei kam flaggte er mit einer kleinen Fahne aus einem Seitenfenster um größeren Schaden zu vermieden, denn es war typisch, dass man bei Auseinandersetzungen im Umfeld zugriff.

Wie steht es mit dem "Schweigen" der katholischen Kirche zu den NS-Verbrechen  gegen die Juden? Die Nationalsozialisten hatten schon vor der „Machtergreifung“ Hitlers 1933 ihre antisemitischen Hetztiraden verbreitet. Die Glaubenskongregation des Vatikans in einem Dekret vom 25.03.1928: „Wie der Heilige. Stuhl allen Hass und alle Feindschaft unter den Völkern verwirft, so verurteilt er ganz besonders den Hass gegen das Volk, das Gott in seinen uralten Tagen zu dem seinen erwählt hat - nämlich jenen Hass, den man üblicherweise als Antisemitismus bezeichnet.“

Ab 1935 wurden in einer Verleumdungskampagne zahlreiche katholische Geistliche wegen angeblicher Sittlichkeits- und Devisenvergehen angeklagt und verfolgt. Damit versuchte man den Klerus mundtot zu machen, sie waren keine politischen Widerständler, sondern einfache Kriminelle, so wollte es die Politik.

„Die Proteste der Bischöfe waren erfolglos.. Daraufhin erschien 1937 die päpstliche Enzyklika „Mit brennender Sorge“, in der Papst Pius XI. (1857-1939) die Konkordatsbrüche anklagte. Die Vorbereitung lief mit deutschen Bischöfen in Rom, vor allem Kardinal Faulhaber[7]. 

„Mit brennender Sorge und steigendem Befremden beobachten Wir seit geraumer Zeit den Leidensweg der Kirche, die wachsende Bedrängnis der ihr in Gesinnung und Tat treu bleibenden Bekenner und Bekennerinnen inmitten des Landes und des Volkes, dem St. Bonifatius einst die Licht- und Frohbotschaft von Christus und dem Reich Gottes gebracht hat“

Der Papst geht zunächst auf die Entwicklung des Konkordats ein, das trotz mancher schwerer Bedenken seine Zustimmung fand. In einigen auszugsweisen Textpassagen nennt er beim Namen, was wirklich sich in Deutschland abspielt. Zum Schluss seiner Enzyklika schreibt der Papst:

„"Jedes Wort dieses Sendschreibens haben Wir abgewogen auf der Waage der Wahrheit und zugleich der Liebe. Weder wollten Wir durch unzeitg­emäßes Schweigen mitschuldig werden an der mangelnden Aufklärung …“

Nach Unterzeichnung durch den Papst am Passionssonntag, dem 14. März 1937, gelangte der Text der Enzyklika in der Auflage von je einem Stück für jedes Ordinariat durch Kurier zur Nuntiatur nach Berlin. Von Berlin wurden die Exemplare wiederum durch Kurier in die einzelnen Bistümer versandt. Es war allen klar, dass die Enzyklika an allen Orten zur gleichen Zeit verlesen werden musste. Man einigte sich auf den nächstmöglichen Termin, den Palmsonntag.

Da aber die lange Liturgie des Palmsonntags für eine ungekürzte Verlesung nicht gerade günstig schien, überließ man es den einzelnen Bischöfen, die Form der Veröffentlichung selber zu bestimmen. Das führte dazu, dass in einigen Bistümern und Kirchen die Enzyklika ungekürzt, in anderen nur gekürzt verlesen wurde. Vielerorts wurde die Enzyklika auch gedruckt oder vervielfältigt und an die Gläubigen verteilt, soweit sie nicht durch die Gestapo beschlagnahmt wurden.

Wut- und Hassausbrüche waren die unmittelbaren Reaktionen. Diese Wirkung wurde nicht zuletzt durch die bestens gelungene Geheimhaltung bewirkt. In Rom waren nicht einmal die Kurienkardinäle über die Vorgänge unterrichtet worden. Auch nicht der deutsche Botschafter beim Hl. Stuhl hat etwas davon mitb­ekommen. Rom musste diese Geheimhaltung unter allen Umständen beachten, um die Enzyklika vor dem Schicksal früherer Kundgebungen zu bewahren: verboten oder beschlagnahmt zu werden.

Als das SS-Reichssicherheitshauptamt in Regensburg am Samstagabend vor dem Palmsonntag davon erfuhr, schickte sie sofort um 20 Uhr einen Funkspruch an die Stadtkommissare und Bezirksamtsvorstände folgenden Inhalts:

„Nach vertraulicher Mitteilung soll am Sonntag, den 21. März in allen katholischen Kirchen eine erschütternde Kundgebung des Papstes an  die Katholiken Deutschlands verlesen werden. Die Kundgebung soll auch als Druckschrift in den Kirchen verkauft werden. Der Inhalt ist nicht bekannt. Stichprobenweise Überwachung der Kirchen. Sofortiger Bericht über Veröffentlichung des wesentlichen Inhalts an die geheime Staatspolizei München. Abdruck an die Regierung“"

Die Gestapo muss auf Hochtouren gearbeitet haben. In der Nacht auf Sonntag um 5½ Uhr folgte ein zweiter Funkspruch:

„Das nunmehr gegebene Rundschreiben des Papstes enthält hochverräterische Angriffe gegen den nationalsozialistischen Staat. Alle katholischen Kirchen sind zu überwachen. Soweit Kundgebungen im Druck erschienen sind, sind alle außerhalb der Kirchen und Pfarrhöfe greifbaren Exemplare zu beschlagnahmen. Soweit Personen außerhalb Kirchen und Pfarrhöfe Rundschreiben verteilen und es sich nicht um Geistliche handelt, sind diese sofort zu verhaften. Ihre Entfernung aus Partei, ihren Gliederungen und angeschlossenen Verbänden, Deutsche Arbeitsfront, Handwerkskammer u. dgl. ist sofort zu veranlassen. Sie sind sofort zur strafrechtlichen Aburteilung dem Gericht zu überstellen. Eine Veröffentlichung in kirchlichen Amtsblättern ist zunächst nicht zu unterbinden. Bei Veröffentlichung mit der Kundgebung sind sie jedoch sofort zu beschlagnahmen und auf die Dauer von 3 Monaten zu verbieten.

Sofortiger Bericht an die geheime Staatspolizei München und Abdruck an die Regierung."

Im Bistum Limburg zum Beispiel hatte jeder Pfarrer zwei Exemplare der Enzyklika erhalten, von denen das eine z.T. im Tabernakel aufbewahrt wurde. Darum konnte auch dort, wo die Enzyklika nach dem Morgengottesdienst beschlagnahmt worden war, zur Überraschung der Polizei ihre Vorlesung am Nachmittag fortgesetzt werden“[8]

Dafür mussten dann wieder viele Priester und Laien ins KZ und Gefängnis. Laien vor allem, wenn man annahm, das Sie bei der Verteilung mitgeholfen hätten. So im Frankfurter Raum 5 Personen. Aus der Anklageschrift (herausgegeben von dem Sohn Karlheinz Wagner in einem Privatdruck):

„4.  Enzyklika des Papstes. Sie wurde in zehntausenden Stücken allein in den Diözesen Mainz und Limburg verbreitet. Kennzeichnend für die hier zugrunde liegende Absicht ist die Tatsache, dass sie auch vollkommen in die hochverräterischen Bestrebungen deutscher Emigrantenkreise passt ...

III. Im Verlauf des Ermittlungsverfahrens wurden folgende Hersteller und Verbreiter . . . . festgenommen und bis zum Abschluß der Ermittlungen in Schutzhaft in das Polizeigefängnis Frankfurt a.M. übergeführt: (Es folgen 14 Namen, darunter) 

1. August Kunz, Arbeitersekretär aus Oberursel/Taunus,

9.  Josef Bill, Weissbinder aus Frankfurt a.M.,

10. Hans Wagner, Buchhalter aus Frankfurt a.M.

11. Johannes Birkenfeld, Glaser aus Kirdorf/Ts.

(zu 2.-8. und 12.-14. sind die Namen bekannt).

„In einer Stellungnahme zu den Personen und den Schriften heißt es:

IV. Die gesamte vorstehend geschilderte Zersetzungsarbeit ist aus der geschichtlichen Entwicklung der katholischen Aktion, d.h. des politischen Katholizismus, heraus zu verstehen. Genau wie die Kommunistische Partei Deutschland lange vor der Machtübernahme durch den Nationalsozialismus bereits begann, ihre Organisation auf illegale Arbeit umzustellen, genau so bereitete sich der politische Katholizismus seit langem darauf vor, seine schon zu sehr belasteten Organisationen, in Deutschland das Zentrum, getarnt weiterzuführen und schuf sich hierzu die "katholische Aktion". Sie sollte in Deutschland als Nachfolgerin der Zentrumspartei das Sammelbecken der Aktivisten des politischen Katholizismus sein...

...Wenn nun diese übelsten Hetzschriften auch noch größtenteils von ehemaligen Funktionären der Zentrumspartei oder katholischen politisierenden Geistlichen zu zehntausenden hergestellt und verbreitet werden, so liegt wohl klar auf der Hand, dass eine solche Tätigkeit nur eine hochverräterische sein kann, die darauf gerichtet ist, eine Änderung der bestehenden Staatsform herbeizuführen...

Es dürfte nach dem ganzen Sachverhalt nur ein Verfahren wegen Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens einzuleiten sein.  

Gez. Unterschrift Krim. Komm. Anw.[9]

Hitler selbst ging in seiner Rede zum 1. Mai auf die Enzyklika ein und verwies auf die Freiheiten, die die Kirche bei der Wahrnehmung ihrer seelsorglichen Pflichten habe. Dann drohte er unverhohlen:

„Falls sie jedoch versuchen sollten, durch irgendwelche Maßnahmen, Schreiben, Enzykliken usw. sich Rechte anzumaßen, die nur dem Staat zukommen, werden wir sie zurückdrücken in die ihnen gebührende geistlich-seelsorgliche Tätigkeit."

„Die Vorfälle in Deutschland zogen immer weitere Kreise. So hat auch der Erzbischof von Chicago, Kardinal George Mundelein auf der vierteljährlichen Diözesankonferenz in der Holy-Name-Cathedral am 18. Mai 1937 vor über fünfhundert Geistlichen auf die Vorkommnisse in Deutschland aufmerksam gemacht. In seiner Predigt vergleicht er die Propaganda der deutschen Regierung mit der Propaganda des letzten Krieges. Und schließlich kommt er auch auf die Enzyklika des Papstes zu sprechen und sagte:

„Schließlich kam am Palmsonntag die päpstliche Enzyklika, die die bislang drastischste Herausforderung an die Nazis darstellte. . . . . . Vielleicht werden sie fragen, wie es kommt, daß eine Nation von 60 Millionen Menschen, intelligenten Menschen, sich in Furcht und einem widerlichen Diensteifer einem Ausländer unterwirft, einem österreichischen Tapezierer, und zwar einem - wie man mir erzählt hat - recht armseligen dazu und einigen Verbündeten wie Göbbels und Göring, die jede Bewegung im Leben der Menschen diktieren. Niemals zuvor war die Kirche in Deutschland so hilflos wie heute. . . . . . Heute ist die Kirche ohne Stimme. Wenn die Bischöfe sprechen, werden ihre Worte ertränkt von dem Lärm der riesigen staatlichen Propagandamaschine. . .."

Als Hitler im Mai 1938 Italien besuchte stand auf der 1. Seite des Osservatore Romano der  des Papstes gegen die „Irrlehren des Rassismus“. Als Mussolini die Rassengesetze 1938 in Italien einführen wollte hielt Pius XI. drei große Reden, die Mussolini zu Wutanfällen erregten. Er betonte, dass die Menschheitsfamilie aus einer Rasse besteht, dem Menschen. Das ist für den Papst der wahre Rassismus. Er las in einer Audienz ein Gebet vor in dem stand: „Der Antisemitismus ist eine abstoßende Bewegung, an der wir Christen keinen Anteil haben können…Wir sind im geistlichen Sinne Semiten.“

Eine Predigt des Kardinal Mundelein von Chicago wurde ungekürzt in der kirchlichen Zeitschrift der Erzdiözese Chicago vom 21. Mai 1937 veröffentlicht. Natürlich hat die deutsche Presse sofort darauf reagiert.[10]

„I. Im Jahre 1937 wurden im ganzen Reichsgebiet im größten Maßstabe Hetzschriften hochverräterischen Inhalts offensichtlich von konfessioneller Seite verbreitet. Die Hersteller und Verbreiter konnten zunächst nicht ermittelt werden. Es handelt sich bei den Schriften um einen "Offenen Brief" an den Herrn Reichsminister Dr. Goebbels mit der Überschrift "Michael Germanikus", einen weiteren Brief ähnlichen Inhalts mit der Unterschrift "Teutonikus", die Rede Mundeleins (Originaltext), die Rede des Kardinals Faulhaber "Flammenzeichen rauchen" (enthält eine Rechtfertigung des damals festgenommenen Paters Ruppert Mayer), die Enzyklika des Papstes "Über die Lage der Katholischen Kirche in Deutschland, die Predigt des Bischofs von Trier (Über die Schulabstimmung im Saargebiet) und andere mehr.

Seit Februar 1938 gelang es der Staatspolizeistelle Frankfurt am Main in ihrem Bezirk und in dem der Staatspolizeistelle Darmstadt bis heute 73 Personen namentlich zu ermitteln, die an der Herstellung und Verbreitung der vorgenannten Schriften beteiligt waren. Unter ihnen befinden sich vier kath. Geistliche, von denen drei als Hersteller (Vervielfältiger) der vorgenannten Schriften in größerem Stil entlarvt werden konnten. Weiterhin wurden als Hersteller noch das kath. Pfarramt St. Paul, Offenbach am Main (Name bekannt) und das kath. Volksbüro in Frankfurt a.M. (Arbeitersekretär August Kunz) ermittelt. . ..[11]" 

Die verhafteten Laien wurden anfangs des Krieges von einem vernünftigen Darmstädter Richter freigelassen.

Zur Neuen Religion der Nazis wurde unter anderem ausgeführt: „Habt acht, Ehrwürdige Brüder, daß vor allem der Gottesglaube, die erste und unersetzbare Grundlage jeder Religion, in deutschen Landen rein und unverfälscht erhalten bleibe! Gottgläubig ist nicht, wer das Wort rednerisch gebraucht, sondern nur, wer mit diesem hehren Wort den wahren und würdigen Gottesbegriff verbindet.
Wer in pantheistischer Verschwommenheit Gott mit dem Weltall gleich setzt, Gott in der Welt verweltlicht und die Welt in Gott vergöttlicht, gehört nicht zu den Gottgläubigen. Wer nach angeblich altgermanisch-vorchristlicher Vorstellung das düstere unpersönliche Schicksal an die Stelle des persönlichen Gottes rückt, leugnet Gottes Weisheit und Vorsehung, die "kraftvoll und gütig von einem Ende der Welt zum anderen waltet" (Weish. 8 ,1.) und alles zum guten Ende leitet. Ein solcher kann nicht beanspruchen, zu den Gottgläubigen gerechnet zu werden.
Wer die Rasse oder das Volk oder den Staat oder die Staatsform, die Träger der Staatsgewalt oder andere Grundwerte menschlicher Gemeinschaftsgestaltung  die innerhalb der irdischen Ordnung einen wesentlichen und ehrengebietenden Platz behaupten aus dieser ihrer irdischen Wertskala herauslöst, sie zur höchsten Norm aller, auch der religiösen Werte macht und sie mit Götzenkult verherrlicht, der verkehrt und fälscht die gottgeschaffene und gottbefohlene Ordnung der Dinge. Ein solcher ist weit vom wahren Gottesglauben und einer solchem Glauben entsprechenden Lebensauffassung entfernt

… Nur oberflächliche Geister können der Irrlehre verfallen, von einem nationalen Gott, von einer nationalen Religion zu sprechen; können den Wahnversuch unternehmen, Gott, den Schöpfer aller Welt, den König und Gesetzgeber aller Völker, vor Dessen Größe die Nationen klein sind wie Tropfen am Wassereimer (Is. 40, 15.), in die Grenze eines einzelnen Volkes, in die blutmäßige Enge einer einzelnen Rasse einkerkern zu wollen..“

Die Rache folgte auf dem Fuße: der NS-Staat enteignete die beteiligten Druckereien, verschärfte die antikirchliche Propaganda, verhaftete noch mehr Geistliche und bekennende Katholiken. Auch der Kampf gegen die katholischen Schulen nahm zu - 1938 wurden sie zwangsweise aufgelöst. 1941 folgte der "Klostersturm", also die entschädigungslose Enteignung von Klöstern und deren Bildungseinrichtungen durch die braunen Machthaber. Die Kirche, die als Anwalt der Entrechteten auftrat, wurde erbarmungslos verfolgt. Die Enzyklika hatte ja auch nicht nur die Verletzungen des Konkordates aufgegriffen sondern vor allem die ideologischen Grundlagen der Nazis. Die reagierten auch darauf. Bei der vorgesehenen Erstürmung der Wohnung von Kardial Faulhaber sang die SA:

„Die alte Judenschande
ist endlich ausgefegt. Die schwarze Lügenbande
wühlt weiter unentwegt. Du deutsches Volk, sag: muß das sein?
Daß dich bespuckt das schwarze Schwein?
Wenn nicht. so drisch doch drauf!
Daß Funken fliegen hoch hinauf.
Deutsche Männer deutsche Frauen!
Jetzt ist's genug mit der Faulhaberei!
Deutsche Männer, deutsche Frauen!
Haut das schwarze Lumpenpack zu Brei!

Der antikirchliche Hass der Nazis war erklärbar, denn keine andere Institution (Einrichtung) zeigte soviel Mut wie der Vatikan. Allein von 1933 bis 1939 gab es 55 päpstliche Proteste bei der Reichsregierung. NS-Außenminister von Ribbentrop erklärte den Richtern im "Nürnberger Prozess" 1945, es habe eine ganze Schublade päpstlicher Proteste gegeben. Der berüchtigte NS-Verbrecher Heinrich Himmler, Reichsführer der SS, stellte in seinem Lagebericht für 1938 fest, dass "die projüdische Haltung der Kirchen jede antijüdische Propaganda bei der Masse der Kirchengläubigen wirkungslos macht.[12]

Der Papst, Pacelli und Faulhaber waren sich durchaus bewusst, dass der Enzyklika eine Kündigung des Konkordates folgen konnte. Die Sorge im Vatikan war groß, ob dies nicht zu einer Zerstörung der Kirche in Deutschlands führen könnte. Pius XI. war die letzten Jahre schwer krank und verstarb plötzlich.

Eingehen möchte ich auch auf die Frage, warum neben den Protesten auf diplomatischen Weg fast versteckten Redeanteile nicht deutlicher gegen die Judenverfolgung gesprochen wurde. Edith Stein hatte den Vatikan schon 1933 dazu aufgefordert. Das von zwei Jesuiten im Auftrag der Glaubenskongregation entwickelte Verwerfungspapier ist nicht erschienen. Offensichtlich war die Sorge zu groß, dass die Kirche mit in diesen Strudel gerissen werden könnte. Man verließ sich eher auf die Rechtsbasis der zwei Konkordate. Auch war Pius der XI. schwer krank und starb 1939 überraschend. Danach war es zu spät. Von Antisemitismus im Vatikan kann heute nicht mehr gesprochen werden, die Bezugspunkte von Goldhagen haben sich als nicht zuverlässig oder sogar Fälschungen herausgestellt. Man wollte wohl nicht die deutsche Kirche mit in den Abgrund ziehen, der von den Nazis eine enge Verbindung zum Weltjudentum nachgesagt wurde, der Vatikan wollte neutral bleiben, er war ja zum Schluss des Krieges völlig von deutschen Truppen umgeben. Es war ja auch schon auf vielen Wegen der Antisemitismus verurteilt worden. Für später gibt eine Erinnerung der Schwester Pascalina einen Hinweis: Der Papst Pius XII: kam in die Küche seiner Wohnung und sagte zu Schwester Pascalina "Ich möchte diesen Bogen vernichten. Es ist mein Protest gegen die grauenhafte Judenverfolgung. Heute Abend sollte er im „Osservatore Romano“ erscheinen. (Es handelt sich um die offizielle Vatikan Zeitung). „Wenn der Hirtenbrief der holländischen Bischöfe 40.000 Menschenleben kostete, so würde mein Protest vielleicht 200.000 kosten. Das kann und darf ich nicht verantworten.“

„Pius XII. hat aus Mitgefühl für die Juden schweren Herzens auf einen öffentlichen Protest verzichtet. Er wollte die Nazis nicht zu Rachemaßnahmen veranlassen, wie es in den Niederlanden geschehen war. Die verleumderische Behauptung, der Papst habe den Judenmord stillschweigend gebilligt, wie man in der veröffentlichten Meinung immer wieder hört, widerspricht den geschichtlichen Tatsachen.“ Er hat aber in vielen Reden sich deutlich von Rassismus distanziert. So z.B. als die Faschisten ihrer rassistische Erklärung abgeben am 15. Juli 1938: „dass er gerade an diesem Tag etwas Schwerwiegendes erfahren habe: Es handelt sich von nun um eine regelrechte Form der Apostasie (Glaubensabfall). Es handelt sich von nun an nicht mehr um die eine oder andere falsche Idee, sondern der ganze Geist der Lehre steht im Gegensatz zum Glauben an Christus.“[13]  Nuntius Orsenigo trug bei Hitler persönlich die Fragen der Juden vor, da beendete Hitler mit dem Zerschmettern eines Glases das Gespräch.[14] Als man der jüdischen Gemeinde in Rom androhte sie zu zerstören, wenn sie nicht sofort Unmengen von Gold zur Verfügung stellen würde, erklärte sich der Vatikan bereit, der Gemeinde auszuhelfen.[15]

Durch die Aktionen der Kirche sollen 700 – 860.000 Juden gerettet worden sein. Auch wenn die Zahlen bei manchen umstritten sind, sie stammen von Pinchas Lapide[16], ist der Vatikan und die katholische Kirche der Staat und die Organisation weltweit gewesen, die die meisten Juden gerettet hat. Er erzählt erschütternde Beispiele der Arbeit der Kirche und des Papstes für die Juden. In den Klöstern setzte man sich zur Rettung über alle Regeln hinweg. Die so genannten „getauften Juden“ hatten zumeist zur Rettung nur einen Taufschein erhalten, waren also gar nicht getauft worden. Die Kirche hatte ja auch viel gutzumachen nach dem Mittelalter. Die meisten Staaten schotteten sich gegen Juden ab.

Über seine Bedrohung war sich Pius XII. durchaus im Klaren. Der Vatikan wusste, dass man Pius inhaftieren wollte um ein nationalistisches Papsttum einzurichten. Pius war auch vom Führer nach Deutschland „eingeladen“ worden. Er werde in Rom bleiben, komme was wolle. Und er betonten an anderer Stelle, dass er den Gewehren der Revolution in München standgehalten habe und dass er sich ein zweites Mal noch weniger fürchten werde.[17]

Ein deutscher Offizier sollte ab 1943 den Papst beraten und vor Fehlgriffen bewahren. Als er das erste Mal bei ihm vorsprach sagte der Papst zum Schluss. „Berichten sie ihren Auftraggebern, dass sich der Papst nicht vor Konzentrationslagern fürchtet.[18]

Als Papst Pius XII. 1958 verstarb, schickte die Außenministerin des Staates Israel, Golda Meir, folgendes Beileidstelegramm:

"Wir trauern mit der Menschheit um das Hinscheiden seiner Heiligkeit Pius XII. In einer Generation, die von Krieg und Zwietracht heimgesucht war, hielt er die Ideale des Friedens und des Mitleids hoch. Als unser Volk während des Naziterrors ein furchtbares Martyrium durchlitt, erhob der Papst seine Stimme für die Opfer."

Die Rettungsaktionen des Papstes für die Juden versetzten den jüdischen Oberrabbiner von Rom, Israel Zolli, in solche Bewunderung, dass er nach dem Krieg gemeinsam mit seiner Frau in die katholische Kirche eintrat. Aus Dankbarkeit nahm Zolli den Taufnamen des Papstes an (Eugenio). Über Plus XII schrieb er „Kein Held der Geschichte hat ein vortrefflicheres und stärker bekämpftes Heer angeführt, als Pius XII. es im Namen der christlichen Nächstenliebe getan hat.[19]" Der Papst hatte ja sogar in Synagoge in Rom mit dem Siegel: „Exterritorial, Gebiet des Vatikan“ versehen lassen.

Dazu eine weitere jüdische Stimme:

Am 17.06.1966 äußerte sich Pinchas Lapide in der Tageszeitung "Die Welt" zu dem Vorwurf, der Papst habe sich durch "Schweigen" schuldig gemacht: "Hat sich Pius XII. in seinen vielen Rundfunk-Appellen, Hirtenbriefen, Botschaften und in Schreiben an seine Bischöfe nicht klar gegen das Nazitum ausgesprochen? Hat er nicht die gleiche Barmherzigkeit gegenüber allen Opfern der Verfolgung zweifellos auch gegenüber den Juden vertreten?

Wer der Meinung ist die Lage hätte gar nicht mehr schlimmer kommen können, möge sich daran erinnern, dass immerhin weit über 2 Millionen Juden Hitlers Gemetzel eben doch überlebt haben, wenn auch mit knapper Not - dank der Hilfe der Kirche, Bischöfe, Priester und Laien.

Der Talmud (jüdisches Glaubensbuch) lehrt uns: " Wer ein Leben rettet, dem wird es von der Hl. Schrift zugerechnet, als hätte er eine ganze Welt bewahrt." - Wenn dies wahr ist - und es ist ebenso wahr wie die jüdische Lehre von der Heiligkeit des menschlichen Lebens -, dann muss ein Jude auch einen großen Retter jüdischen Lebens verteidigen.“

Moshe Sharett, der spätere Ministerpräsident des Staates Israel, berichtete am 22.04.1945 über ein Gespräch mit Papst Pius XII.:

„Ich sagte dem Papst, meine erste Pflicht sei es, ihm und der katholischen Kirche im Namen der jüdischen Öffentlichkeit für all das zu danken, was die Kirche in den verschiedenen Ländern unternommen hat, um Juden zu helfen ... Wir sind der katholischen Kirche tief dankbar für das, was sie getan hat, damit unsere Brüder gerettet werden können.“

Aufschlussreich auch das Interview, das der bekannte jüdische „Nazi Jäger" Simon Wiesenthal der Zeitschrift "Kirche intern" vom März 1988 gab. Darin stellt er fest: "Für die Nazis waren Juden und Christen gleichermaßen Feinde.“ Über die Haltung der katholischen Geistlichkeit in der NS-Zeit äußert sich Wiesenthal ebenfalls: "Der Klerus hatte von den Kanzeln sehr wohl gegen die Nazis gepredigt. Über viertausend Priester wanderten in die KZ's![20]

Der Bischof von Limburg Antonius schrieb 1940 einen Brief an den Reichsminister der Justiz wegen der Euthanasie in Hadamar[21]. Der Löwe von Münster (Links) Bischof Clemens August von Galen predigte dagegen. Dafür mussten im Bistum Limburg 3 Priester ins KZ gehen.

Ein im November 1941 ausgearbeitetes Hirtenwort, das in der Frage der Menschenrechte an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ, wurde im Dezember zusammen mit der evangelischen Bekennenden Kirche als gemeinsame Denkschrift dem Reichskanzler zugestellt. Als sie unbeantwortet blieb, gingen zahlreiche west- und süddeutsche Diözesen im März 1942 dazu über, eine gekürzte Fassung von den Kanzeln der Pfarrkirchen verlesen zu lassen: Jeder Mensch, hieß es darin, hat das natürliche Recht auf Leben und auf die zum Leben notwendigen Güter, und die Bischöfe fügten hinzu: „Wir Bischöfe werden nicht unterlassen, gegen die Tötung Unschuldiger Verwahrung einzulegen. Niemand ist seines Lebens sicher, wenn nicht unangetastet dasteht: Du sollst nicht töten!“ [22]

Der Protest der deutschen Bischöfe wurde am 12. September 1943 in einem Hirtenwort über die christlichen Zehn Gebote als Lebensgesetz der Völker von der Kanzel verlesen. Darin hieß es deutlich: Tötung ist in sich schlecht, auch wenn sie angeblich im Interesse des Gemeinwohls verübt würde: An schuld- und wehrlosen Geistesschwachen und -kranken, an unheilbar Siechen und tödlich Verletzten, an erblich Belasteten und lebensuntüchtigen Neugeborenen, an unschuldigen Geiseln und entwaffneten Kriegs- oder Strafgefangenen, an Menschen fremder Rassen und Abstammung. Auch die Obrigkeit kann und darf nur wirklich todeswürdige Verbrechen mit dem Tode bestrafen.[23]

Ob es besser gewesen wäre, noch deutlicher zu reden, kann heute diskutiert werden, in der damaligen Situation wollte man Schlimmeres vermeiden und möglichst viel retten. So sah es auch der Chefankläger von Nürnberg. Albert Einstein stellt 1940 fest, dass nur die Kirche protestiere[24]. Hier gerade hat der Vatikan mehr getan als alle anderen. Dass die Vorwürfe aus Deutschland kommen macht sie nicht besser. Ein echter Skandal war es, das der österreichische Titularbischof Hudal, ein Sympathisant des Führers, die Chance hatte, einigen Nazigrößen, darunter wohl auch Eichmann, die Ausreise nach Südamerika zu ermöglichen. Hudal war aber im Vatikan ein absoluter Einzelgänger. Beachtet werden müssen auch die deutlichen Proteste der Kirche der USA. Ein jüdisch-ungarischer Historiker nennt sein Buch: „Die Kirche hat nicht geschwiegen.“[25]

1975 gab die Gemeinsame Synode in Würzburg eine Schulderklärung ab:„Wir sind das Land, dessen jüngste politische Geschichte von dem Versuch verfinstert ist, das jüdische Volk systematisch auszurotten. Und wir waren in dieser Zeit des Nationalsozialismus, trotz beispielhaften Verhaltens einzelner Personen und Gruppen, aufs Ganze gesehen doch eine kirchliche Gemeinschaft, die zu sehr mit dem Rücken zum Schick­sal dieses verfolgten jüdischen Volkes weiterlebte, deren Blick sich zu stark von der Bedrohung ihrer eigenen Institutionen fixieren ließ und die zu den an Juden und Judentum verübten Verbrechen geschwiegen hat.“

In Deutschland hatte die Caritas nach Möglichkeit geholfen und auch der Raphaelsverein für Auswanderer in Hamburg, der 1941 vom Staat aufgelöst wurde.

2.2 Etwas schwieriger war die Haltung der evangelischen Kirche.

Zur Gefügigmachung der evangelischen Kirche für die Ziele der NSDAP wurde eine neue Kirchenpartei gegründet. Die Bewegung „Deutsche Christen“ entwickelte folgendes Programm: Aus den  der 28 Landeskirchen sollte eine evangelischen Reichskirche entstehen. Die Kirchen sollten mit dem Kampf der NSDAP solidarisch sein. Die Rassenlehre sollte übernommen werden. Die NSDAP unterstützte die deutschen Christen massiv. Ludwig m Müller wurde zum Bevollmächtigen der evangelischen Kirchen ernannt, er besetzte am 25.4.1933 das Gebäude der des Kirchenbundes. Die von ihm ausgearbeitet Verfassung wurde von den Vertretern der Landeskirchen angenommen. Bei den Wahlen a, 11.7. gewann die Deutschen Christen große Mehrheiten Der Arierparagraph wird in der preußischen Generalsynode und woanders durchgesetzt, damit wurde die Rassenpolitik konkret. Ludwig Müller wurde am 23.7.33 einstimmig von der Nationalsynode zum Reichsbischof gewählt.[26] 

Aber die problemlose Machtergreifung scheiterte am Widerstand evangelischer Theologen wie Martin Niemöller der den Pfarrernotbund gründete. Das Ziel des Pfarrernotbundes war ein theologisches (die alleinige Bindung an die Heilige Schrift) aber der Anlass war ein politischer (die Einführung des Arierparagraphen auch in der Kirche). Schon im Januar 1934 zählte der Pfarrernotbund 7000 Mitglieder, die Hälfte aller deutschen evangelischen Pfarrer.

Die Kundgebung im Berliner Sportpalast am 13.11.1933 führte zu Massenaustritten bei den "Deutschen Christen", da der Redner die Abschaffung des Alten Testaments und der Theologie des Paulus forderte.

Viele Amtsträger wurden abgesetzt. 1934 bildeten sich in den Landeskirchen freie Synoden und die bekennende Kirche. Formal wurde sie am 22.4.34 im Ulmer Münster gegründet. Auf der Bekenntnissynode in Barmen im Mai 1934 wurde in der theologischen Erklärung die Grundlage für den Widerstand geschaffen. In Dahlem wurde im Mai 34 das das kirchliche Notrecht in Kraft gesetzt und eigene Kirchenleitungen gegründet, die Kirche war gespalten und die Kirchenpolitik gescheitert,. Einige Landesbischöfe erhielten ihr Amt zurück. 1935 unternahm Hitler einen neuen Versuch er Machtübernahme, er setzte Müller ab und ernannte den Religionsminister Herlt, der 1941 starb, ohne die Einigung erreicht zu haben.

Die Bekennende Kirche blieb bis Kriegsende bestehen, aus ihr wurden die Pfarrer ähnlich verfolgt wie in  der katholischen Kirche.

Rettung von Juden wurde vor allem durch Probst Gröber in Berlin betrieben.

Die evangelische Kirche legte 1945 ein Schuldbekenntnis ab.

3. Änderung planen

3. 1 Am  Beispiel der Katholischen Arbeiter-Bewegung (KAB)

Am 9. November 1923: war der Marsch auf die Feldherrnhalle in München. Schon im April 1923 warnte Joseph Joos in der WAZ (Westdeutschen Arbeiterzeitung) vor einer rechtsextremen Gruppierung, der NSDAP. Weder mit dem Sozialismus noch mit der Arbeiterbewegung habe diese „geistige Zeitkrankheit“ zu tun. Die NSDAP sei auch keine Partei, sondern eine aus industriellen Kreisen geförderte Sammelbewegung sozial Entwurzelter und Unzufriedener, die ihre programmatische Grundlage wie alle völkischen Gruppen in der Negation sehen, im Antisemitismus und der Gegnerschaft zur Sozialdemokratie.

Zu den Reichstagswahlen  M 14. September 1930 schreibt Nikolaus Groß am 6. September 1930 in der WAZ (Seite 51, Aretz): „Wir leh­nen als katholische Arbeiter den Nationalsozialismus nicht nur aus politischen und wirt­schaftlichen Gründen, sondern entscheidend auch aus unserer religiösen und kulturellen Haltung entschie­den und eindeutig ab.“

Am 30. Januar 1933: Adolf Hitler wird Reichskanzler. Die KAB-Führung war durch dieses Ereignis völlig überrascht wegen der Fehleinschät­zung der Möglichkeiten Hitlers. Der Kommentar in der WAZ vom 11.02.1933 war schlicht und einfach: „Das Dritte Reich ist ausgebrochen!“

Schon am 6. Februar 1933: Notverordnung in Preußen einschließlich einer Pressezensur. Die WAZ (Zeitung der KAB) wurde am 18. März 1933 für 3 Wochen verboten, da sie am 13. März ge­schrieben hatte: „Wir stehen mitten im Kampf um das Recht. Nicht nur im Kampf um un­ser Recht, sondern im Kampfe um das Recht überhaupt.“

Ab 1. Januar 1935 wurde die WAZ umbenannt in „Ketteler Wacht“, weil Arbeiter nicht mehr im Namen geführt werden durfte, das hatten die Nazis für sich beschlagnahmt. . Im November 1938 er­folgte das endgültige Verbot. Bis dahin entwickelte die Zeitung einen neuen Sprachgebrauch, um zu überleben ohne die klare Linie aufzugeben. Gleichzeitig verla­gerte die Verbandszen­trale das Gewicht ihrer publizistischen Tätigkeit stärker auf den Sektor der Broschüren und Kleinschriften.

Am 5. März 1933 war Reichstagswahl mit absoluter Mehrheit für NSDAP plus Deutschnationale. Am 23. März: Ermächtigungsgesetz – Recht der Regierung, Gesetze ohne Rücksicht auf Reichs­tag und Verfassung zu erlassen. (Bis auf die SPD stimmten alle Parteien zu ein­schließlich Zentrum und seine KAB-Leute.)

Während die Regierungserklä­rung Hitlers am 23. März 1933 Kardinal Bertram zu ei­ner Kursänderung bewog, - u.a. kün­digte Hitler ein Konkordat an - , waren Müller, Groß und Letterhaus entschlossen, den bisherigen Kurs gegenüber der NSDAP fortzusetzen. Das führte allerdings auch zu Konflikten in der KAB und in der Verbandszentrale.

So schreibt Joseph Joos (Seite 84), dass es in der KAB nach 1933 eine kleine Anzahl von Geist­lichen und Laien gab, die die damalige Verbandsleitung ablösen und durch sogenannte „politisch unbelastete“ Persönlichkeiten ersetzen wollten. Das aber scheiterte am Widerstand der Mehrheit und „auch für diese Männer, die an Kompromiss und Ko­existenz glaubten, kam später die grau­same Ernüchterung.“ Nicht so in der KAB außer bei dem Verbandsjugendsekretär.

Über die Folgen des oppositionellen Verhaltens zum Regime schreibt Joseph Joos „Auch ohne direkte Verbote wurde die KAB durch dauernde Schikanen und behördliche Einschränkungen langsam abgewürgt. Viele Pfarrer waren in Sorge um die religiösen Freiheiten ihrer Pfarrei. Sie wollten sich durch die verpönte Vereinstätigkeit kei­nen Schwierigkeiten aussetzen und schränkten diese daher ein. Manche gaben zu früh auf, und das führte oft zu Verbitterung bei vielen Laien. Viele unserer Sekretäre wurden brotlos, fanden keine Existenz mehr und gerieten oft mit ihren Familien in große Not.“

Trotz des Drucks und trotz der eingeschränkten Wirkungsmöglichkeiten gelang es der Verbandsführung vorerst, ein aktives Verbandsleben aufrechtzuerhalten. So traf der Reichsverband auf seiner Vorstandssitzung am 12. Mai 1933 eine Reihe von Vereinbarungen, die die Schlagkraft erhöhen sollten: eine stärkere Kooperation der verschiedenen KAB-Organe, ein­heitliche Verbandssymbole und das Kettelerhaus als Zentrale des Reichsverbandes. Die „Deutsche Arbeiter-Zeitung“ und ein öffentlicher Kon­gress im Oktober 1933 konnten nicht mehr realisiert werden. (Seite 91, Aretz)

Letterhaus regte an, die durch den Vorstand des Westdeutschen Verbandes beschlossenen Wallfahrten als „Glaubensfahrten des katholischen Werkvolkes“ zum Auftakt einer Werbekampagne zu machen, „weil es kaum in unserer Geschichte eine Zeit gegeben hat, die im ganz Großen für die Eroberung heute noch abseits Stehender, Halt- und Stütze suchenden katholischen Arbeiter so geeignet ist wie die unsrige. Wir dürfen diese Stunde nicht ver­passen.“ Außerdem sollten diese Veranstaltungen nicht nur rein religiö­sen Charakter tragen

Nikolaus Groß warnte gleichzeitig in der WAZ, eine Preisgabe der katholischen Verbände leite den Rückzug der Kirche auf den Kirchenraum und damit das Ende der Volkskirche ein.

Die Stabilität der KAB findet ihre Erklärung auch in diesen Mobilisierungsaktionen durch etwa 30 Glaubensfahrten zu den Wallfahrtsorten der verschiedenen Bistümern, die manchen ver­unsicherten Arbeiter der KAB treu bleiben ließen. Speziell die Bistümer Köln, Paderborn, Münster und Aachen unterstützten diese Glaubensfahrten der KAB, an denen 1933 ca. 90.000 Arbeiter teilnahmen. Im Jahr 1934 nahmen mehr als 160.000 an diesen Wallfahrten teil.

Die größte Veranstaltung der KAB fand dann am 30. Januar 1935 als „Dreikönigen-Wallfahrt“ in Köln statt. Dazu strömten mehr als 30.000 Arbeiter aus Westdeutschland und von der Saar zusammen. Die neuen Gebete und Sprechchöre hatten aber auch eine eindeutig politische Funktion und wurden von nationalso­zialistischer Seite als glatte politische Aktion bezeichnet.

Es war dem Regime trotz aller Zwangsmaßnahmen und Bedrohungen noch nicht gelungen, die KAB entscheidend zu treffen. Bestätigt wird das durch die Mitgliederstatistik des Jahres 1934: es gab nur eine Abnahme um 3.077 Mitglie­dern (1,8 Prozent) bis zum 31. Dezember. Unter Berücksichtigung des Doppelmitgliedschaftsverbotes (s. u.) und der ohnehin ungünstigen Altersstruktur muss dieses Ergebnis als be­deutender Erfolg der KAB gewertet werden.

Heftig getroffen wurde die KAB dann durch die Auflösung der katholischen Arbeiterver­eine im September 1935 im Regierungsbezirk Münster, wodurch sie etwa 170 Vereine und über 30.000 Mitglieder verlor, d.h. mehr als 1/5 des Verbandes. Im Januar 1939 erfolgte die Zwangsauflösung der Diözesanverbände Mainz und Limburg. Dennoch zählte allein der Westdeutsche Verband danach noch über 54.000 Mitglieder. Während im April 1939 auch der Süddeutsche Verband, der Landesverband Württemberg und die KAB der Erzdiözese Freiburg aufgelöst wurden, verhinderte die Verbandsleitung in Köln das gleiche Schicksal für den Westdeutschen Verband. Nach Kriegsbeginn am 1. September 1939 ließ man die Sache, auch wohl wegen befürchteter Folgen bei der Bevölkerung, auf sich ruhen. So stellte die westdeutsche KAB die letzte oppositionelle Mitgliederorganisation der deutschen Arbeiterschaft dar.

1935 hatte die KAB nur 10% Mitglieder verloren, die Kommunisten 90%.

Seit 1937 betätigten sich besonders Joseph Joos und Nikolaus Groß in der Männerseelsorge, die in Fulda ein eigenes Zentrum bekommen hatte. Dort fanden sie ein weiteres Wirkungsfeld und die Arbeitervereine zusätzliche Anerkennung.

Zu dieser Art des Widerstandes, der es auf Beseitigung des Regimes, auf Verhinderung bzw. dann auf Beendigung des Krieges und auch auf Vorüberlegungen für die Zeit da­nach ankam, gehörten eine Reihe von Männern in der KAB, speziell auch die 3 aus der Verbandsleitung: Müller, Letterhaus und Groß. Gespräche und Diskussionen über die künftige gesellschaftliche und staatliche Gestaltung Deutschlands hatten in der Verbandszentrale Köln bereits in den 30er Jahren begonnen. In seinem Bericht vom 16. Juni 1945 schreibt der Provinzial der Do­minikaner, Pater Laurentius Siemer, über den „Kölner Kreis“: „Die Frage war, ob man die Be­wegung beeinflussen sollte durch aktive Teilnahme und Verdrängung der minderwertigen Elemente der Bewegung oder durch entschiedene Frontstellung gegen die Partei. Beide Rich­tungen waren von dem selben Wunsch beseelt, die von der Bewegung herauf beschworenen Gefahren vom deutschen Volke abzuwenden ... Eine Hemmung war für Katholiken vor allem das mit dem Heiligen Stuhl abgeschlossene Konkordat. Aber diese Hemmung wurde bald überwunden durch die immer größer werdende Erkenntnis, dass die ganze nationalsozialistische Bewegung sich aufbaute auf Lug und Trug ... Von Anfang an war ein starkes Leben zu spüren bei den katholischen Arbeitern. Vor allem in Köln ... Zuerst fanden die Konferenzen statt im Zentralhaus des Katholischen Arbeiterverbandes; später nach Zerstörung dieses Hauses durch englische Bomben im Privathaus des Arbeitersekretärs Nikolaus Groß ... Dieser kleine Kölner Kreis strahlte aus nach Berlin, nach München und Ko­blenz.“ Dann er­wähnt Pater Siemer Kontakte dieses Kreises mit Pater Alfred Delp SJ, mit Dr. Carl Goerdeler, Jakob Kaiser und anderen. Der Abschluss seines Berichtes lautet so: „Der 20. Juli hat leider die Folge gehabt, dass von den berufenen Männern die meisten als Staatsver­brecher hingerichtet wurden. Sie werden beim Aufbau des neuen deutschen Staates fehlen.“ (Seite 227 – 230, Bücker: Wie sollen wir vor Gott und unserem Volk bestehen?)

Joseph Joos wurde schon im Juni 1940 festgenommen und nach Polizeihaft und Internie­rungslager Anfang 1941 in das KZ-Dachau eingewiesen. Wel­chen Anlass es für die Verhaftung gab, ist bis heute ungeklärt. Allerdings könnte die KZ-Haft Joseph Joos das Leben gerettet haben. Er wurde erst 1945 durch die Amerikaner befreit.

Im Reichskonkordat vom 20. Juli 1933 sollte die Frage der katholischen Organisationen sollte den Art. 31 des Konkordats geregelt werden, der aber sehr offen formuliert blieb. Er teilte die katholischen Organisationen und Verbände in zwei Kategorien, nämlich diejenigen, „die ausschließlich religiösen, rein kulturellen und karitativen Zwecken dienen und als solche der kirchlichen Behörde unterstellt sind. Sie sollten in ihren Einrichtungen und ihrer Tätigkeit geschützt werden. Die Verbände, die auch anderen Aufgaben wie z.B. sozialen oder berufsständischen Aufgaben dienen, sollen unbeschadet einer etwaigen Eingliederung in staatliche Verbände den Schutz des Art. 31 Abs. 1 genießen, sofern sie Gewähr dafür bieten, ihre Tätigkeit außerhalb jeder politischen Partei zu entfalten.“ Joseph Joos schreibt dazu: „Nach allgemeiner Auffassung war mit diesen Auslegungsgrundsätzen kein wirklicher Schutz für die Existenz der katholischen Organisationen erreicht. Zu viele Vorbehalte und Hintertüren waren in den Text eingebaut. Der nationalsoziali­stische Wolf hatte sich lediglich einen Schafspelz umgeworfen ... Was der Hitlerstaat nicht auf geraden Wegen erreichen konnte, suchte er planmäßig auf krummen durchzusetzen.“

Allerdings trat nach der Unterzeichnung des Konkordats für den Verbandskatholizismus im Großen und Ganzen eine Entspannung der Lage ein, die z.B. für die Glaubensfahrten und auch für die Festigung der KAB genutzt wurde.

Im Zusammenhang mit dem Konkordatsabschluss erhielten die westdeutschen Arbeitervereine Ende Juli 1933 neue Satzungen, um dem Art. 31 des Konkordats möglichst zu entsprechen, d.h. stärkere Bindung an die Amtskirche und Schwergewicht der Vereinstätigkeit im Bereich der Bildungsarbeit und der religiösen Unterweisung.

Am 27. April 1934: das Verbot der Doppelmitgliedschaft, Mitglieder von konfessionellen Arbeiter- und Gesellenverei­nen durften nicht zugleich auch Mitglieder der „DAF“ sein. Da aber die Zugehörigkeit zur „Arbeitsfront“ das An­recht auf Arbeit und Brot in sich schloss, war die Entscheidung für ein etwaiges Verblei­ben im konfessionellen Verein gleichbedeutend mit Verlust der Ar­beitsstelle, der materi­ellen Existenz. 1935 hatte die KAB aber nur 10% Mitglieder verloren, die Kommunisten 90%.

Am 20. Juli 1944 erfolgte der missglückte Tyrannenmord. Joseph Joos schreibt (ab Seite 90): „Zu den Männern der Widerstandsbewegung gehörten von Anfang an Prälat Dr. Otto Müller, der Verbandspräses der KAB Westdeutschlands, ihr Verbandsvorsitzender Joseph Joos, Generalsekretär Prälat Dr. Hermann-Joseph Schmitt, Ver­bandssekretär Bernhard Letterhaus, Verbandsredakteur Nikolaus Groß und Sekretär Gottfried Könzgen, Duisburg, sowie vom Süddeutschen Verband u.a. Rektor Alfred Berchtold und Di­özesansekretär Hans Adlhoch ... Nicht Ehr­geiz oder Machthunger bestimmte ihr Handeln, sondern einzig und allein ihr Gewissen ... Als die Stunde schlug, war ihr kein Erfolg beschie­den. – Viele der Eingeweihten wur­den von Nationalsozialisten dem Tod überliefert. Am 12. Oktober 1944 starb Prälat Dr. Müller nach qualvollen Leiden im Gefängnis Berlin-Tegel. Bernhard Letterhaus ... wurde am 14. November 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet ... Am 23. Januar 1945 erlitt Nikolaus Groß den gleichen grausamen Tod ... Dr. Hermann-Joseph Schmitt entging diesem Schicksal nur dadurch, dass man ihn in das KZ-Dachau eingeliefert hatte, aus dem er als todkranker Mann von den Amerikanern befreit wurde. Gottfried Könzgen, der ebenfalls nach dem 20. Juli ins KZ gebracht wurde, fand einen elenden Tod.“ Hans Adlhoch starb nach seiner Befreiung aus Dachau im Feldlazarett am 21.5.1945.

(Nach Holtermann, Arbeit und Solidarität, Seite 171 ff)[27]

Die Jugendverbände waren auf den verschiedensten Wegen schon zugrunde gerichtet und verboten worden, gegen alle Konkordatsabsprachen. Ähnlich erging es anderen Verbänden.[28]

Aus dem Bistum Limburg Franz Leuninger

Am 1. März 1945 wurde Franz Leuninger - ein christlicher Gewerkschafter - in Berlin-Plötzensee l hingerichtet. Am 26.2.1945 wurde er durch den Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Mit ihm gingen zwei ehemalige Gewerkschaftskollegen aus Breslau in den Tod. Es waren Fritz Voigt, der ehemalige Polizeipräsident von Breslau und Oswald Wiersich, ehemaliger Bezirkssekretär des ADGB (Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund) in Schlesien. Franz Leuninger war für das Amt des Oberpräsidenten in Schlesien vorgesehen (oder hatte Lukaschek für dieses vorgeschlagen), das führte zu seiner Verurteilung nach dem Scheitern des 20. Juli.

Wer war dieser Franz Leuninger? Er wurde am 28.12.1898 in Mengerskirchen im Westerwald als das dritte von neun Kindern geboren. Die Eltern waren Kleinlandwirte, der Vater übte im Winter das Handwerk eines Nagelschmiedes aus. Franz war schulisch sehr begabt, aber für Kinder armer Eltern gab es damals keine Chance, das Gymnasium zu besuchen. Die Familie war wie selbstverständlich in der katholischen Kirche verwurzelt. Tischgebet und Gottesdienstbesuch gehörten zu den unumstößlichen Regeln. So war er auch Ministrant. Frömmigkeit gehörte für ihn unverzichtbar zum Leben. Einmal sagte er einer Frau, die an der Bedeutung des Gebetes zweifelt, dass er als junger Mann auf dem Bau schwere Steine eine Leiter hinauf schleppen musste. Manchmal hätten die Kräfte versagt, ein kurzes Verweilen, ein Stoßgebet, und es sei weiter gegangen. Von daher wird es auch verständlich, dass er beim Gang zur Hinrichtung nach den Aussagen des Gefängnispfarrers das Lied: „Großer Gott wir loben dich“ betete, das feierliche Lob- und Danklied der katholischen Kirche, das nur bei besonders festlichen Anlässen gesungen wird.

Die Jugend war hart. Nach der Schulzeit ging er in den Feldwegebau in seiner Heimat. Der Heimattradition gemäß gehörte er den Christlichen Gewerkschaften an. In der schwierigen Zeit teilte ihn der Polier zu Schwarzarbeit ein und er verletzte sich mit 13 Jahren und 11 Monaten schwer. Im Winter erholte er sich in der Heimat und schmiedete mit seinem Vater und seinen Brüdern Nägeln. Im Ersten Weltkrieg musste er zu den Soldaten.

Er wurde Vertrauensmann des Christlichen Bauarbeiterverbandes und warb Mitglieder für den Verband in seiner gering bemessenen Freizeit. 1922 wurde er Lokalsekretär in Aachen. Danach war er Sekretär in Euskirchen und im Verbandssekretariat in Krefeld. 1927 wurde er als Bezirkssekretär nach Breslau berufen wo er, noch nicht 30 Jahre alt, als Bezirksleiter für den ganzen schlesischen Raum wirkte.

In Breslau hatte er ein gutes Verhältnis zum Gesellenverein (heute Kolpingfamilie). Er hatte in Gesellenhäusern gewohnt. Er gehörte dem katholischen Arbeiterverein an.

Als Hitler im Januar 1933 an die Macht kam sah der das Ende der Demokratie und die Zerschlagung der Gewerkschaften voraus. So geschah es auch. Er war vor 1933 schon ehrenamtlicher Geschäftsführer einer im christlich-sozialen Bereich angesiedelten Heimstätte. Er übernahm nun hauptberuflich die Leitung. Es liegen Berichte vor, dass er einer ganzen Reihe von systemkritischen Menschen Arbeit in dieser Institution bot.

Franz Leuninger musste mit 40 Jahren am Polenfeldzug teilnehmen. Er schrieb später an einen seiner Brüder: „Es gibt nichts, was einen Krieg rechtfertigt, und es ist jedes Mittel erlaubt, das einen Krieg verhindert.“

Nach seiner Entlassung aus dem Kriegsdienst baute er den Widerstand in Breslau und Schlesien mit auf. Die Gewerkschafter Fritz Voigt und Oswald Wiersich gehörten zu seinen Partnern. Im Herbst traf er sich in Berlin u.a. mit Carl Friedrich Goerdeler, dem ehemaligen Oberbürgermeister von Leipzig, vorgesehener Reichskanzler des Widerstandes und Jakob Kaiser. Der Bruder von Goerdeler wurde auch am 1. März hingerichtet. Es ging bei diesem Gespräch um sozial- und ernährungspolitische Fragen nach einem Umsturz. Über Goerdeler kam er auch in Kontakt mit Ludwig Beck, der als Generalstabschef des Heeres die gesamte Generalität 1938 zum Rücktritt aufforderte, um damit dem Kriegstreiben Hitlers ein Ende zu setzen. Über Fritz Voigt sind Kontakte zu Wilhelm Leuschner und Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg anzunehmen. Es ist zu vermuten, dass er bei einem Kölnbesuch 1941 auch Kontakt mit dem Kölner Kreis aufnahm. Ich (Ernst Leuninger) durfte im Auto mit ihm durch Köln fahren, aber musste bei allen Besuchen im Auto sitzen bleiben.

Er hat verständlicherweise über diese seine Arbeit und Kontakte nicht viel gesprochen. In seiner Heimat sprach er einmal im engsten Kreis seiner Verwandten über die Schrecken der Konzentrationslager und der Gewaltherrschaft. Er sagte: „Die Verbrechen sind so furchtbar, dass sie nur mit dem Blut der Besten gesühnt werden können.“

Wenige Wochen nach dem 20. Juli 1944 wurde er verhaftet. Im Haftbefehl war u.a. zu lesen: „Leuninger hat bereits 1941/42 von dem ihm von früher gut bekannten ehemaligen sozialdemokratischen Gewerkschaftssekretär Fritz Voigt erfahren, dass gewisse Kreise des Adels und der Wirtschaft zur Herbeiführung eines Sonderfriedens mit den Westmächten eine Änderung der Regierung anstrebten. ... Auch Leuninger erklärte sich zur Mitarbeit für die neue Regierung durch Überwachung der wirtschaftlichen Organisation bereit.“ Während er im Gefängnis war, befand sich seine Frau auf der Flucht von Breslau in den Westen und seine drei Söhne waren beim Militär.

In einem seiner letzten Briefe aus dem Gefängnis schrieb er: „Ich habe mein Schicksal in die Hände des Herrgotts gelegt. Wie er es macht, so wird es schon richtig sein.“

Kirche unter Zwangsarbeitern

Es liegen Berichte und Zeugnisse von Priestern und Aktivsten der JOC (französische CAJ) über die Seelsorge unter den französischen Zwangsarbeitern in der Zeit von 1943-1945 vor. Priester haben sich oft mit verkehrten Pässen unter die Zwangsarbeiter begeben, um ihnen als Seelsorger nahe zu sein. Besonders die JOC spielte dabei ein große Rolle. Nicht nur in Frankfurt sondern auch in anderen Städten wurde so gearbeitet, Marcel Callo ist ein Zeugnis dafür. Viele wurden auch Opfer des Nazisystems. In Diez war ein Straflager, die Opfer wurden auf dem Friedhof bei Dietkirchen beerdigt. Marcel Callo gehörte zu den Martyrern dieser Zwangsarbeiter.

Marcel Callo wurde am 6. Dezember 1921 in Rennes (Frankreich) geboren, gestorben ist er. am 19. März 1945 im KZ Mauthausen
Seine Kindheit und Jugend verlebte er  in Rennes/Frankreich. Marcel Callo war ein junger Buchdrucker aus Rennes (Frankreich). Er stammte aus einer tief religiösen Familie mit neun Kindern, arbeitete aktiv bei den Pfadfindern mit und trat mit 13 Jahren, zu Beginn seiner Druckerlehre, der Christlichen Arbeiter-Jugend (CAJ) bei. Der fröhliche, bescheidene, mit Christus verbundene Jungarbeiter schöpfte aus der hl. Eucharistie die Kraft für sein Wirken als "Apostel der Arbeiter". In seiner Pfarrei St. Albin leitete er die CAJ und war Vorkämpfer einer missionarischen Jugendarbeit.

Am 19. März 1943 ließ er sich zur Zwangsarbeit nach Deutschland abtransportieren: "Ich fahre als Missionar ... um anderen zu helfen durchzuhalten". Im Arbeitslager Zella-Mehlis (Thüringen) sammelte er deportierte Landsleute zum Gottesdienst und wurde für sie Krankenpfleger, Chorleiter und Verkünder des Wortes Gottes. Wegen seines religiösen Einsatzes unter den Kameraden verhaftete ihn die Gestapo am 19. 4. 1944. "Durch seine katholische und religiöse Aktion hat er sich als Schädling für die Regierung der nationalsozialistischen Partei und für das Heil des deutschen Volkes erwiesen", so lautete die Anklage. Nach mehr als fünf Monaten Haft in Gotha wurden die Konzentrationslager Flossenbürg und Mauthausen (mit Gusen I und Gusen II) die letzten Stationen seines jungen Lebens.

Leben und Sterben dieses jungen Märtyrers sind ein Zeugnis des Glaubens und des Friedens zwischen unseren beiden Völkern. Marcel Callo ist ein Vorbild und Fürsprecher für alle Christen, besonders für die junge Generation Europas und der ganzen Welt. Er wurde am 4. Oktober 1987 von Johannes Paul II. selig gesprochen.

 

3.2 Aus der evangelischen Kirche Dietrich Bonhoeffer und Martin Niemöller

Dietrich Bonhoeffer wuchs in Breslau, dann in Berlin auf. 1923 begann er in Tübingen mit dem Studium der Theologie, das er in Berlin fortsetzte und mit der Doktorarbeit "Sanctorum Communio", "Gemeinschaft der Heiligen", 1927 abschloß. Es folgte ein Vikariat in Barcelona während des Jahres 1928, dann ab 1929 die Assistentenzeit in Berlin. 1930 legte Bonhoeffer sein zweites theologisches Examen ab, wenige Tage später folgte die Habilitation mit der Schrift "Akt und Sein", anschließend ein einjähriger Studienaufenthalt am Union Theological Seminar in New York. Von August 1931 bis Sommer 1933 lehrte er als Privatdozent an der Berliner Universität. Seine internationalen Kontakte führten 1931 zu seiner Teilnahme an der Konferenz des Weltbundes christlicher Studenten in Cambridge, wo er zum Jugendsekretär gewählt wurde. Neben der Lehrtätigkeit an der Universität erteilte er Konfirmanden-Unterricht in einer Berliner Gemeinde; 1932 erwarb er eine Baracke, um für seine Studenten wie für die Konfirmanden Wochenendfreizeiten durchzuführen. 1933 nahm er wieder an verschiedenen internationalen kirchlichen Konferenzen teil. Wichtigste literarische Hinterlassenschaft aus dieser Zeit ist die von ihm selbst veröffentlichte Vorlesung über 1. Mose 1 - 3 unter dem Titel "Schöpfung und Fall".

Im Sommer 1933 gab Bonhoeffer seine Lehrtätigkeit auf, um sich ganz der Arbeit als Pfarrer in einer Gemeinde zu widmen. Von Oktober 1933 bis April 1935 war er in der deutschen Gemeinde in London tätig; von hier aus pflegte er ökumenische Kontakte und informierte über die Vorgänge in Deutschland nach der Machtübernahme der Nazis. Besondere Aufmerksamkeit erregte er 1934 als Teilnehmer an der ökumenischen Konferenz in Fanö mit seiner Rede "Kirche und Völkerwelt". 1935 übernahm er die Leitung des Predigerseminars der Evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg in Finkenwalde. Er setzte sich nachdrücklich für die Geltung der „Barmer Erklärung“ und der daraus resultierenden Einrichtung neuer kirchenleitender Gremien ein. Gleichzeitig bemühte er sich mit wechselvollen, teilweise enttäuschenden Erfolgen um Anerkennung der Bekennenden Kirche durch die Ökumene und den gleichzeitigen Abbruch der Beziehungen zu der von den Nazis gelenkten "Reichskirche". Die bekennende Kirche beauftragte ihn 1935 mit der Einrichtung eines "Bruderhauses" für die Pfarrer und Mitstreiter. 1936 hielt er sein letztes Kolleg an der Berliner Fakultät zur Auslegung der Bergpredigt mit dem Titel "Nachfolge" - 1937 als Buch erschienen, im August desselben Jahres wurde ihm die Lehrbefugnis entzogen.

Im Februar 1938 konnte Bonhoeffer zum letzten Mal an einer ökumenischen Konferenz - in London - teilnehmen, im September wurde sein Predigerseminar von der Geheimen Staatspolizei geschlossen, im November wurden 27 ehemalige Seminaristen in Haft genommen. Anfang 1938 wurde Bonhoeffer aus Berlin ausgewiesen, er knüpfte erste Kontakte zu den Widerständlern Sack, Oster, Canaris und Beck. Bonhoeffers Schwester und ihre Familie emigrierten nach England, er selbst beteiligte sich während der Sudetenkrise an Umsturzplänen. Die wichtigsten Schriften aus dieser Zeit sind neben einer Reihe von brisanten, stark in das kirchliche Geschehen eingreifenden Vorträgen und Aufsätzen die erwähnte "Nachfolge" und die Schrift "Gemeinsames Leben" vom September 1938.

Während einer Amerikareise im Frühsommer 1939 lehnte Bonhoeffer es ab, dort zu bleiben und kehrte nach Berlin zurück. Er beteiligte sich nun aktiv am Widerstand, wurde Verbindungsmann der militärischen Abwehr unter Admiral Canaris. Sein spezieller Auftrag war, über seine ökumenischen Verbindungen die Westmächte über Fortgang, Pläne und Möglichkeiten der Widerstandsbewegung zu informieren, sie vom Friedenswillen einer neuen Regierung nach Hitlers Sturz zu überzeugen und sie für diesen Fall zu akzeptablen Waffenstillstandsbedingungen geneigt zu machen. Zu diesem Zweck unternahm er Reisen ins neutrale Ausland, die spektakulärste war das Treffen mit Bischof Bell von Chichester Mitte 1942 in Schweden. In engem Zusammenhang mit dieser Tätigkeit stand die Arbeit an der Schrift "Ethik", in der er Grundlagen christlichen Handelns von den Erfahrungen jener Jahre her formulierte. Daneben war er, solange Reise- und Aufenthaltsverbote ihn nicht daran hinderten, als Visitator der Bekennenden Kirche und als theologischer Gutachter für aktuelle Fragen tätig. Im Januar 1943 verlobte sich Bonhoeffer, im April wurde er verhaftet und ins Wehrmachtsgefängnis Berlin-Tegel eingeliefert.

Dort entstand Bonhoeffers bekanntestes Buch "Widerstand und Ergebung", das Briefe aus der Haft enthält und die große, getroste Kraft des ungebrochenen Gefangenen deutlich macht. Ein Fluchtversuch scheiterte 1944, nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 sank auch Bonhoeffers Hoffnung auf eine Wende. Im Oktober 1944 wurde er in den Gestapo-Bunker in Berlin verlegt, im Februar 1945 ins KZ Buchenwald bei Weimar. Hitler persönlich erließ am 5. April 1945 den Befehl zu seiner Ermordung, am 9. April wurde er zusammen mit anderen Widerstandskämpfern im KZ Flossenbrüg hingerichtet[29].“

Martin Niemöller wurde am 14.1.1892 in Lippstadt/Westfalen als zweites von sechs Kindern einer lutherischen Pfarrersfamilie geboren. Der Vater wird Pfarrer in Eberfeld und der Junge lernt das Elend des Industrieproletariats kennen. Der gestickte Spruch über dem Webstuhl im Haus eines armen Hauswebers wird ihm zur Sinn- und Lebensfrage: Was würde Jesus dazu sagen? Niemöller wird 1912 Leutnant zur See auf dem Linienschiff "Thüringen" Er meldet sich freiwillig zur Unterseeboot-Flotte und wird 1916 2. Offizier auf U 73, dann Steuermann auf dem Boot U 39. Als Kommandant auf UC 67 gilt er bei den Engländern als "der Schrecken von Malta". Niemöller weigert sich, U-Boote als Reparationsleistung nach England zu überführen.Er verläßt die Marine und heiratet Else Bremer; beide absolvieren eine Bauernlehre, um Farmer in Südamerika zu werden. Die Inflation verhindert diesen Plan. Niemöller wird an der Universität Münster als Theologe immatrikuliert. Nach dem Kapp-Putsch übernimmt Niemöller das Kommando beim Regiment "Akademische Wehr" der westfälischen Reichswehrbrigade gegen den Aufstand der Ruhrarbeiter, die den Rechtsrutsch verhindern wollen. Verschiedene Nebenerwerbsberufe bis zur Ordination als Pfarrer; Landesgeschäftsführer der Inneren Mission in Münster. 1931 wird Niemöller Gemeindepfarrer im Berliner Villenviertel Dahlem. Seit Mai 1933 ist er Mitarbeiter im Kirchenbundesamt.

Am 19.9.33 ruft Niemöller als Protest gegen die Einführung des "Arier-Paragraphen" innerhalb der Kirche durch die Preußische Generalsynode alle Pfarrer im Deutschen Reich auf, sich im "Pfarrernotbund" zusammenzuschließen. Damit beginnt der Weg der Bekennenden Kirche. Während einer Audienz bei Reichsbischof Müller widerspricht Niemöller dem Reichskanzler Hitler, der der Kirche jede Verantwortung für "irdische" Angelegenheiten des Deutschen Volkes absprechen will. Niemöller erhält Predigtverbot, über das er sich hinwegsetzt. Im Mai findet die Bekenntnissysnode in Barmen statt. Im Herbst erscheint Niemöllers Buch "Vom U-Boot zur Kanzel", das später von Goebbels verboten wird. Inzwischen laufen gegen Niemöller mehr als 40 Gerichtsverfahren wegen "Kanzelmißbrauchs" und "staatsfeindlicher Äußerungen". Letzte Predigten finden vor der Verhaftung in Wiesbaden statt. Der Prozeß endet mit dem Freispruch Niemöllers. Die Richter werden von der Beförderung ausgeschlossen. Da das Kabinett einer erneuten Verhaftung nicht zustimmt, erklärt Hitler Niemöller zu seinem "persönlichen Gefangenen". Dieser wird ins KZ SAchsenhausen verschleppt, Unterernährung führt fast zur Erblindung. Überführung ins KZ Dachau. Im April 1945 Abtransport durch die SS zur Hinrichtung nach Südtirol; Befreiung durch deutsches Militär, dann durch US-Truppen, die ihn weiter internieren. Rückkehr im Juni 1945 zur Familie an den Starnberger See. Niemöller wird nach einer programmatischen Rede zum stellvertretenden Ratsvorsitzenden und Präsidenten des kirchlichen Außenamts gewählt. Niemöller gestaltet die "Stuttgarter Erklärung" mit[30].

4. Ergebnisse

Nach Hochhut und Goldhagen kommt heute wieder ein positives Bild des Widerstandes der Kirche zustande.

Da katholische Milieu hat trotz allem auf und ab gestanden. Deshalb versuchten ja die Nazis auch den Rahmen dieses Milieu zu zerstören. Aus ihm erwuchs ein erheblicher Widerstand. Für Äußerungen der Kirche mussten vor allem Priester –aber auch viele Laien -bezahlen.

Viele Laien aus den Verbänden waren in der Widerstandsbewegung aktiv und zahlten mit ihrem Leben dafür. Sie bereifen sich dabei bewusst auf ihre religiösen Überzeugungen und ihr Gewissen.

Keine andere Institution oder Satt hat soviel Juden gerettet, wie die katholische Kirche und vor allem da der Vatikan. Auf eine eigene Enzyklika in dieser Frage wurde in der Zeit Pius XII. verzichtet, um das Loos der Betroffenen nicht noch schlimmer zu machen.

Die Internaionaltä der Kirche war in all diesen Fragen eine große Hilfe. 1940 sagte schon Albert Einstein, dass nur die Kirche protestiere.

Der Dank jüdischer Politiker und Organisationen an PIU XII. spricht eine eigene Sprache.

Moshe Sharett, der spätere Ministerpräsident des Staates Israel, berichtete am 22.04.1945 über ein Gespräch mit Papst Pius XII.:

„Ich sagte dem Papst, meine erste Pflicht sei es, ihm und der katholischen Kirche im Namen der jüdischen Öffentlichkeit für all das zu danken, was die Kirche in den verschiedenen Ländern unternommen hat, um Juden zu helfen ... Wir sind der katholischen Kirche tief dankbar für das, was sie getan hat, damit unsere Brüder gerettet werden können.“

Man kann wohl sagen, das die katholische Kirche die Institution war, die am meisten in der Ablehnung des Nazistaates bewirkte.

Etwas schwieriger war die Situation in der evangelischen Kirche. Für sie hatte der Staat eine größere Bedeutung, das ja bis Ende 1918 der jeweilige Herrscher faktisch Oberhaupt der Kirche (Sumepiskopat) war. Hier war der das deutschnationale Gedankengut verbreitet, das 1933 zu einem Überschwenken auf breiter Front führte. Im Pfarrernotbund und in der bekennenden Kirche baute sich dann ein Widerstand auf. Viele Pfarrer wurden in Haft genommen und kamen ins KZ. Wichtige Gestalten des Widerstandes sind Bonhoeffer und Niemöller.

 

5. Literaturverzeichnis

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Zeller, E. Der Geist der Freiheit, der 20. Juli, München 5 1965

Dazu Standardwerke der Geschichte und Kirchengeschichte und Internetseiten



[1] Picker Hg, Hitlers Tischgespräche, Ffm 1993, S 108

[2] Unterschiedliche Widerstandsbegriffe werden bei U. Hehl, Nationalsozialistische Herrschaft, München² S. 95

[3] Wahlkarten und Bevölkerungskarten nach Statistischem Bundesamt

[4] Wagner, Hans Wagner

[5] H. Steitz, Geschichte der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Marburg 1977 S 567

[6]  Der luxenburgische Geistliche Jean Bernard: war selbst im „Pfarrerblock“.

[7] Godman, P. Der Vatikan und Hitler, Die geheimen Archive, München 2004, S 209

[8] Nach Wagner in: Ernst Leuninger Arbeit und Solidarität, Limburg 2004 S. 323 ff

[9] Wagner aaO.

[10] Wanger aaO.

[11] Wagner aaO.

[12] Lothar Groppe im Internet (Münster 19959 Groppe war Sohn eines von den Nazis im Widerstand hingerichteten Generals.Groppe aaO

[13] Passellecq, G. u.a. , die unterschlagenen Enzyklika, der Vatikan und die Judenverfolgung, München 1997

[14] P. Lapide, Rom und die Juden, Ulm 2 1997 S 214

[15] Lapide, 237

[16] Lapide 359

[17] Lapide 208

[18] Lapide 209

[19] Groppe aaO.

[20] Groppe aaO

[21] Klee, E., Dokumente der Euthanasie, 1985 231 f

[22] Aus dem Internet, Zusammenfassende Kirchengeschichte, Die Katholiken und das Dritte Reich

[23] Aus dem Internet, Zusammenfassende Kirchengeschichte, Die Katholiken und das Dritte Reich

[24] Lapide 230

[25] Lapide 235

[26] Unter anderem auch in Steitz, H., Die evangelische Kirche in Hessen und Nassau, Marburg 1977

[27] Nach Cl. A. Holtermann, Arbeit und Solidarität, Seite 171 ff

[28] H. Hürten, Deutsche Katholiken 1918-1945, Paderborn 1992, S. 274 ff

[29] Ökumenisches Heiligenlexikon

Wir können nicht schweigen…“, Katholische Arbeiter-Bewegung im Widerstand zum 3. Reich

So lief es:

Am 9. November 1923: war der Marsch auf die Feldherrnhalle in München. Schon im April 1923 warnte Joseph Joos in der WAZ (Westdeutschen Arbeiterzeitung) vor einer rechtsextremen Gruppierung, der NSDAP. Weder mit dem Sozialismus noch mit der Arbeiterbewegung habe diese „geistige Zeitkrankheit“ zu tun. Die NSDAP sei auch keine Partei, sondern eine aus industriellen Kreisen geförderte Sammelbewegung sozial Entwurzelter und Unzufriedener, die ihre programmatische Grundlage wie alle völkischen Gruppen in der Negation sehen, im Antisemitismus und der Gegnerschaft zur Sozialdemokratie.

Zu den Reichstagswahlen  M 14. September 1930 schreibt Nikolaus Groß am 6. September 1930 in der WAZ (Seite 51, Aretz): „Wir leh­nen als katholische Arbeiter den Nationalsozialismus nicht nur aus politischen und wirt­schaftlichen Gründen, sondern entscheidend auch aus unserer religiösen und kulturellen Haltung entschie­den und eindeutig ab.“

Am 30. Januar 1933: Adolf Hitler wird Reichskanzler. Die KAB-Führung war durch dieses Ereignis völlig überrascht wegen der Fehleinschät­zung der Möglichkeiten Hitlers. Der Kommentar in der WAZ vom 11.02.1933 war schlicht und einfach: „Das Dritte Reich ist ausgebrochen!“

Schon am 6. Februar 1933: Notverordnung in Preußen einschließlich einer Pressezensur. Die WAZ wurde am 18. März 1933 für 3 Wochen verboten, da sie am 13. März ge­schrieben hatte: „Wir stehen mitten im Kampf um das Recht. Nicht nur im Kampf um un­ser Recht, sondern im Kampfe um das Recht überhaupt.“

Ab 1. Januar 1935 wurde die WAZ umbenannt in „Ketteler Wacht“, weil Arbeiter nicht mehr im Namen gefürht werden durfte, das hatten die Nazis für sich beschlagnahmt. . Im November 1938 er­folgte das endgültige Verbot. Bis dahin entwickelte die Zeitung einen neuen Sprachgebrauch, um zu überleben ohne die klare Linie aufzugeben. Gleichzeitig verla­gerte die Verbandszen­trale das Gewicht ihrer publizistischen Tätigkeit stärker auf den Sektor der Broschüren und Kleinschriften.

Am 5. März 1933 war Reichstagswahl mit absoluter Mehrheit für NSDAP plus Deutschnationale. Am 23. März: Ermächtigungsgesetz – Recht der Regierung, Gesetze ohne Rücksicht auf Reichs­tag und Verfassung zu erlassen. (Bis auf die SPD stimmten alle Parteien zu ein­schließlich Zentrum und seine KAB-Leute.)

Während die Regierungserklä­rung Hitlers am 23. März 1933 Kardinal Bertram zu ei­ner Kursänderung bewog, - u.a. kün­digte Hitler ein Konkordat an - , waren Müller, Groß und Letterhaus entschlossen, den bisherigen Kurs gegenüber der NSDAP fortzusetzen. Das führte allerdings auch zu Konflikten in der KAB und in der Verbandszentrale.

So schreibt Joseph Joos (Seite 84), dass es in der KAB nach 1933 eine kleine Anzahl von Geist­lichen und Laien gab, die die damalige Verbandsleitung ablösen und durch sogenannte „politisch unbelastete“ Persönlichkeiten ersetzen wollten. Das aber scheiterte am Widerstand der Mehrheit und „auch für diese Männer, die an Kompromiss und Ko­existenz glaubten, kam später die grau­same Ernüchterung.“ Nicht so in der KAB außer bei dem Verbansjugendsekretär.

Über die Folgen des oppositionellen Verhaltens zum Regime schreibt Joseph Joos „Auch ohne direkte Verbote wurde die KAB durch dauernde Schikanen und behördliche Einschränkungen langsam abgewürgt. Viele Pfarrer waren in Sorge um die religiösen Freiheiten ihrer Pfarrei. Sie wollten sich durch die verpönte Vereinstätigkeit kei­nen Schwierigkeiten aussetzen und schränkten diese daher ein. Manche gaben zu früh auf, und das führte oft zu Verbitterung bei vielen Laien. Viele unserer Sekretäre wurden brotlos, fanden keine Existenz mehr und gerieten oft mit ihren Familien in große Not.“

Trotz des Drucks und trotz der eingeschränkten Wirkungsmöglichkeiten gelang es der Verbandsführung vorerst, ein aktives Verbandsleben aufrechtzuerhalten. So traf der Reichsverband auf seiner Vorstandssitzung am 12. Mai 1933 eine Reihe von Vereinbarungen, die die Schlagkraft erhöhen sollten: eine stärkere Kooperation der verschiedenen KAB-Organe, ein­heitliche Verbandssymbole und das Kettelerhaus als Zentrale des Reichsverbandes. Die „Deutsche Arbeiter-Zeitung“ und ein öffentlicher Kon­gress im Oktober 1933 konnten nicht mehr realisiert werden. (Seite 91, Aretz)

Letterhaus regte an, die durch den Vorstand des Westdeutschen Verbandes beschlossenen Wallfahrten als „Glaubensfahrten des katholischen Werkvolkes“ zum Auftakt einer Werbekampagne zu machen, „weil es kaum in unserer Geschichte eine Zeit gegeben hat, die im ganz Großen für die Eroberung heute noch abseits Stehender, Halt- und Stütze suchenden katholischen Arbeiter so geeignet ist wie die unsrige. Wir dürfen diese Stunde nicht ver­passen.“ Außerdem sollten diese Veranstaltungen nicht nur rein religiö­sen Charakter tragen

Nikolaus Groß warnte gleichzeitig in der WAZ, eine Preisgabe der katholischen Verbände leite den Rückzug der Kirche auf den Kirchenraum und damit das Ende der Volkskirche ein.

Die Stabilität der KAB findet ihre Erklärung auch in diesen Mobilisierungsaktionen durch etwa 30 Glaubensfahrten zu den Wallfahrtsorten der verschiedenen Bistümern, die manchen ver­unsicherten Arbeiter der KAB treu bleiben ließen. Speziell die Bistümer Köln, Paderborn, Münster und Aachen unterstützten diese Glaubensfahrten der KAB, an denen 1933 ca. 90.000 Arbeiter teilnahmen. Im Jahr 1934 nahmen mehr als 160.000 an diesen Wallfahrten teil.

Die größte Veranstaltung der KAB fand dann am 30. Januar 1935 als „Dreikönigen-Wallfahrt“ in Köln statt. Dazu strömten mehr als 30.000 Arbeiter aus Westdeutschland und von der Saar zusammen. Die neuen Gebete und Sprechchöre hatten aber auch eine eindeutig politische Funktion und wurden von nationalso­zialistischer Seite als glatte politische Aktion bezeichnet.

Es war dem Regime trotz aller Zwangsmaßnahmen und Bedrohungen noch nicht gelungen, die KAB entscheidend zu treffen. Bestätigt wird das durch die Mitgliederstatistik des Jahres 1934: es gab nur eine Abnahme um 3.077 Mitglie­dern (1,8 Prozent) bis zum 31. Dezember. Unter Berücksichtigung des Doppelmitgliedschaftsverbotes (s. u.) und der ohnehin ungünstigen Altersstruktur muss dieses Ergebnis als be­deutender Erfolg der KAB gewertet werden.

Heftig getroffen wurde die KAB dann durch die Auflösung der katholischen Arbeiterver­eine im September 1935 im Regierungsbezirk Münster, wodurch sie etwa 170 Vereine und über 30.000 Mitglieder verlor, d.h. mehr als 1/5 des Verbandes. Im Januar 1939 erfolgte die Zwangsauflösung der Diözesanverbände Mainz und Limburg. Dennoch zählte allein der Westdeutsche Verband danach noch über 54.000 Mitglieder. Während im April 1939 auch der Süddeutsche Verband, der Landesverband Württemberg und die KAB der Erzdiözese Freiburg aufgelöst wurden, verhinderte die Verbandsleitung in Köln das gleiche Schicksal für den Westdeutschen Verband. Nach Kriegsbeginn am 1. September 1939 ließ man die Sache, auch wohl wegen befürchteter Folgen bei der Bevölkerung, auf sich ruhen. So stellte die westdeutsche KAB die letzte oppositionelle Mitgliederorganisation der deutschen Arbeiterschaft dar.

1935 hatte die KAB nur 10% Mitglieder verloren, die Kommunisten 90%.

Seit 1937 betätigten sich besonders Joseph Joos und Nikolaus Groß in der Männerseelsorge, die in Fulda ein eigenes Zentrum bekommen hatte. Dort fanden sie ein weiteres Wirkungsfeld und die Arbeitervereine zusätzliche Anerkennung.

Zu dieser Art des Widerstandes, der es auf Beseitigung des Regimes, auf Verhinderung bzw. dann auf Beendigung des Krieges und auch auf Vorüberlegungen für die Zeit da­nach ankam, gehörten eine Reihe von Männern in der KAB, speziell auch die 3 aus der Verbandsleitung: Müller, Letterhaus und Groß. Gespräche und Diskussionen über die künftige gesellschaftliche und staatliche Gestaltung Deutschlands hatten in der Verbandszentrale Köln bereits in den 30er Jahren begonnen. In seinem Bericht vom 16. Juni 1945 schreibt der Provinzial der Do­minikaner, Pater Laurentius Siemer, über den „Kölner Kreis“: „Die Frage war, ob man die Be­wegung beeinflussen sollte durch aktive Teilnahme und Verdrängung der minderwertigen Elemente der Bewegung oder durch entschiedene Frontstellung gegen die Partei. Beide Rich­tungen waren von dem selben Wunsch beseelt, die von der Bewegung herauf beschworenen Gefahren vom deutschen Volke abzuwenden ... Eine Hemmung war für Katholiken vor allem das mit dem Heiligen Stuhl abgeschlossene Konkordat. Aber diese Hemmung wurde bald überwunden durch die immer größer werdende Erkenntnis, dass die ganze nationalsozialistische Bewegung sich aufbaute auf Lug und Trug ... Von Anfang an war ein starkes Leben zu spüren bei den katholischen Arbeitern. Vor allem in Köln ... Zuerst fanden die Konferenzen statt im Zentralhaus des Katholischen Arbeiterverbandes; später nach Zerstörung dieses Hauses durch englische Bomben im Privathaus des Arbeitersekretärs Nikolaus Groß ... Dieser kleine Kölner Kreis strahlte aus nach Berlin, nach München und Ko­blenz.“ Dann er­wähnt Pater Siemer Kontakte dieses Kreises mit Pater Alfred Delp SJ, mit Dr. Carl Goerdeler, Jakob Kaiser und anderen. Der Abschluss seines Berichtes lautet so: „Der 20. Juli hat leider die Folge gehabt, dass von den berufenen Männern die meisten als Staatsver­brecher hingerichtet wurden. Sie werden beim Aufbau des neuen deutschen Staates fehlen.“ (Seite 227 – 230, Bücker: Wie sollen wir vor Gott und unserem Volk bestehen?)

Joseph Joos wurde schon im Juni 1940 festgenommen und nach Polizeihaft und Internie­rungslager Anfang 1941 in das KZ-Dachau eingewiesen. Wel­chen Anlass es für die Verhaftung gab, ist bis heute ungeklärt. Allerdings könnte die KZ-Haft Joseph Joos das Leben gerettet haben. Er wurde erst 1945 durch die Amerikaner befreit.

Im Reichskonkordat vom 20. Juli 1933 sollte die Frage der katholischen Organisationen sollte den Art. 31 des Konkordats geregelt werden, der aber sehr offen formuliert blieb. Er teilte die katholischen Organisationen und Verbände in zwei Kategorien, nämlich diejenigen, „die ausschließlich religiösen, rein kulturellen und karitativen Zwecken dienen und als solche der kirchlichen Behörde unterstellt sind. Sie sollten in ihren Einrichtungen und ihrer Tätigkeit geschützt werden. Die Verbände, die auch anderen Aufgaben wie z.B. sozialen oder berufsständischen Aufgaben dienen, sollen unbeschadet einer etwaigen Eingliederung in staatliche Verbände den Schutz des Art. 31 Abs. 1 genießen, sofern sie Gewähr dafür bieten, ihre Tätigkeit außerhalb jeder politischen Partei zu entfalten.“ Joseph Joos schreibt dazu: „Nach allgemeiner Auffassung war mit diesen Auslegungsgrundsätzen kein wirklicher Schutz für die Existenz der katholischen Organisationen erreicht. Zu viele Vorbehalte und Hintertüren waren in den Text eingebaut. Der nationalsoziali­stische Wolf hatte sich lediglich einen Schafspelz umgeworfen ... Was der Hitlerstaat nicht auf geraden Wegen erreichen konnte, suchte er planmäßig auf krummen durchzusetzen.“

Allerdings trat nach der Unterzeichnung des Konkordats für den Verbandskatholizismus im Großen und Ganzen eine Entspannung der Lage ein, die z.B. für die Glaubensfahrten und auch für die Festigung der KAB genutzt wurde.

Im Zusammenhang mit dem Konkordatsabschluss erhielten die westdeutschen Arbeitervereine Ende Juli 1933 neue Satzungen, um dem Art. 31 des Konkordats möglichst zu entsprechen, d.h. stärkere Bindung an die Amtskirche und Schwergewicht der Vereinstätigkeit im Bereich der Bildungsarbeit und der religiösen Unterweisung.

Am 27. April 1934: das Verbot der Doppelmitgliedschaft, Mitglieder von konfessionellen Arbeiter- und Gesellenverei­nen durften nicht zugleich auch Mitglieder der „DAF“ sein. Da aber die Zugehörigkeit zur „Arbeitsfront“ das An­recht auf Arbeit und Brot in sich schloss, war die Entscheidung für ein etwaiges Verblei­ben im konfessionellen Verein gleichbedeutend mit Verlust der Ar­beitsstelle, der materi­ellen Existenz. 1935 hatte die KAB aber nur 10% Mitglieder verloren, die Kommunisten 90%.

 

Am 20. Juli 1944 erfolgte der missglückte Tyrannenmord. Joseph Joos schreibt (ab Seite 90): „Zu den Männern der Widerstandsbewegung gehörten von Anfang an Prälat Dr. Otto Müller, der Verbandspräses der KAB Westdeutschlands, ihr Verbandsvorsitzender Joseph Joos, Generalsekretär Prälat Dr. Hermann-Joseph Schmitt, Ver­bandssekretär Bernhard Letterhaus, Verbandsredakteur Nikolaus Groß und Sekretär Gottfried Könzgen, Duisburg, sowie vom Süddeutschen Verband u.a. Rektor Alfred Berchtold und Di­özesansekretär Hans Adlhoch ... Nicht Ehr­geiz oder Machthunger bestimmte ihr Handeln, sondern einzig und allein ihr Gewissen ... Als die Stunde schlug, war ihr kein Erfolg beschie­den. – Viele der Eingeweihten wur­den von Nationalsozialisten dem Tod überliefert. Am 12. Oktober 1944 starb Prälat Dr. Müller nach qualvollen Leiden im Gefängnis Berlin-Tegel. Bernhard Letterhaus ... wurde am 14. November 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet ... Am 23. Januar 1945 erlitt Nikolaus Groß den gleichen grausamen Tod ... Dr. Hermann-Joseph Schmitt entging diesem Schicksal nur dadurch, dass man ihn in das KZ-Dachau eingeliefert hatte, aus dem er als todkranker Mann von den Amerikanern befreit wurde. Gottfried Könzgen, der ebenfalls nach dem 20. Juli ins KZ gebracht wurde, fand einen elenden Tod.“

(Nach Holtermann, Arbeit und Solidarität, Seite 171 ff)

Jetzt möchte ich in einem Film das Lebensbild von Nikolaus Groß vorstellen, der .vom Papst selig gesprochen wurde.

2.Film

Lebensbilder

Hans Adlhoch wurde am 29.01.1884 Straubing (Bayern) geboren. Mit 17 wurde er Mitglied der Katholischen Arbeiter-Bewegung. Er leitete ab 1919 das Sekretariat der Bewegung in Augsburg. 1925 war er Vizepräsident des Katholikentages in Stuttgart. Er war Stadtrat und Reichstagsabgeordneter. Die Gestapo verhaftete ihn erstmals 1933, weil der gegen den Nationalsozialismus auftrat. Aber er gab seinen Widerstand nicht auf. Verschiedentlich wurde er verhaftet und schließlich ins KZ Dachau eingeliefert. Am 21.05.1945 starb er bei der Evakuierung dieses Lagers in einem Feldlazarett, nachdem er schon befreit war. Sein Tod war eine Folge der Entkräftung in der Lagerzeit.

Bernhard Letterhaus wurde am 10. Juli. 1894 in Barmen in einer katholischen Handwerkerfamilie geboren. Der Vater war Schumachermeister. Nach der Volksschule erlernte er den Beruf eines Bandwirkers und besuchte anschließend die Preußische Höhere Fachschule für Textilindustrie in Barmen. Er arbeitete als Textiltechniker und  bildete sich stets weiter. Er nahm am Ersten Weltkrieg teil, nach dessen Ende war er eine Zeitlang hauptberuflich für die Zentrumspartei in Barmen tätig. 1920 ging er zum Zentralverband christlicher Textilarbeiter nach Düsseldorf und dann als Verbandssekretär der katholischen Arbeiter- und Knappenvereine nach Mönchengladbach. Nun entwickelte er Programme für die Vereine, hielt Vorträge und schulte Mitarbeiter. Er schrieb wichtige Artikel in der Westdeutschen Arbeiter-Zeitung. 1928 wurde er Zentrumsvertreter im Preußischen Landtag und später noch in anderen politischen Gremien. Seit 1930 richtete er seinen Kampf vor allem gegen den Nationalsozialismus. Nach der Machtergreifung durch die  Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 intensivierte er notgedrungen die Vereins- und Verbandsarbeit, bis es nach mehreren lokalen Auflösungen der Vereine im Herbst 1935 zum Verbot der katholischen Arbeitervereine im Regierungsbezirk Münster kam. Er hatte das Ermächtigungsgesetz entschieden abgelehnt und stand auch dem Reichskonkordat mehr als kritisch gegenüber. Im Zweiten Weltkrieg wurde er einberufen, kam an die Westfront und auf Vermittlung aus den militärischen Widerstandskreisen in der Auslandsabteilung der Wehrmacht. Er hatte enge Kontakte zu führenden Widerstandskämpfern. Am 25.7.1944 wurde er verhaftet, weil sein Name auf den Listen der Widerständler für Verantwortungsträger nach dem Kriegsende stand: Er kam in das Konzentrationslager Ravensbrück und wurde dann in die Haftanstalt Berlin-Tegel verlegt. Am 13.11.1944 verurteilte ihn der Volksgerichtshof unter Freisler wegen Landes- und Hochverrats zum Tode durch den Strang. Das Urteil wurde am nächsten Tag vollstreckt

6.3.3.2 Aus dem Bistum Limburg Franz Leuninger

Am 1. März 1945 wurde Franz Leuninger - ein christlicher Gewerkschafter - in Berlin-Plötzensee l hingerichtet. Am 26.2.1945 wurde er durch den Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Mit ihm gingen zwei ehemalige Gewerkschaftskollegen aus Breslau in den Tod. Es waren Fritz Voigt, der ehemalige Polizeipräsident von Breslau und Oswald Wiersich, ehemaliger Bezirkssekretär des ADGB (Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund) in Schlesien. Franz Leuninger war für das Amt des Oberpräsidenten in Schlesien vorgesehen (oder hatte Lukaschek für dieses vorgeschlagen), das führte zu seiner Verurteilung nach dem Scheitern des 20. Juli.

Wer war dieser Franz Leuninger? Er wurde am 28.12.1898 in Mengerskirchen im Westerwald als das dritte von neun Kindern geboren. Die Eltern waren Kleinlandwirte, der Vater übte im Winter das Handwerk eines Nagelschmiedes aus. Franz war schulisch sehr begabt, aber für Kinder armer Eltern gab es damals keine Chance, das Gymnasium zu besuchen. Die Familie war wie selbstverständlich in der katholischen Kirche verwurzelt. Tischgebet und Gottesdienstbesuch gehörten zu den unumstößlichen Regeln. So war er auch Ministrant. Frömmigkeit gehörte für ihn unverzichtbar zum Leben. Einmal sagte er einer Frau, die an der Bedeutung des Gebetes zweifelt, dass er als junger Mann auf dem Bau schwere Steine eine Leiter hinauf schleppen musste. Manchmal hätten die Kräfte versagt, ein kurzes Verweilen, ein Stoßgebet, und es sei weiter gegangen. Von daher wird es auch verständlich, dass er beim Gang zur Hinrichtung nach den Aussagen des Gefängnispfarrers das Lied: „Großer Gott wir loben dich“ betete, das feierliche Lob- und Danklied der katholischen Kirche, das nur bei besonders festlichen Anlässen gesungen wird.

Die Jugend war hart. Nach der Schulzeit ging er in den Feldwegebau in seiner Heimat. Der Heimattradition gemäß gehörte er den Christlichen Gewerkschaften an. In der schwierigen Zeit teilte ihn der Polier zu Schwarzarbeit ein und er verletzte sich mit 13 Jahren und 11 Monaten schwer. Im Winter erholte er sich in der Heimat und schmiedete mit seinem Vater und seinen Brüdern Nägeln. Im Ersten Weltkrieg musste er zu den Soldaten.

Er wurde Vertrauensmann des Christlichen Bauarbeiterverbandes und warb Mitglieder für den Verband in seiner gering bemessenen Freizeit. 1922 wurde er Lokalsekretär in Aachen. Danach war er Sekretär in Euskirchen und im Verbandssekretariat in Krefeld. 1927 wurde er als Bezirkssekretär nach Breslau berufen wo er, noch nicht 30 Jahre alt, als Bezirksleiter für den ganzen schlesischen Raum wirkte.

In Breslau hatte er ein gutes Verhältnis zum Gesellenverein (heute Kolpingfamilie). Er hatte in Gesellenhäusern gewohnt. Er gehörte dem katholischen Arbeiterverein an.

Als Hitler im Januar 1933 an die Macht kam sah der das Ende der Demokratie und die Zerschlagung der Gewerkschaften voraus. So geschah es auch. Er war vor 1933 schon ehrenamtlicher Geschäftsführer einer im christlich-sozialen Bereich angesiedelten Heimstätte. Er übernahm nun hauptberuflich die Leitung. Es liegen Berichte vor, dass er einer ganzen Reihe von systemkritischen Menschen Arbeit in dieser Institution bot.

Franz Leuninger musste mit 40 Jahren am Polenfeldzug teilnehmen. Er schrieb später an einen seiner Brüder: „Es gibt nichts, was einen Krieg rechtfertigt, und es ist jedes Mittel erlaubt, das einen Krieg verhindert.“

Nach seiner Entlassung aus dem Kriegsdienst baute er den Widerstand in Breslau und Schlesien mit auf. Die Gewerkschafter Fritz Voigt und Oswald Wiersich gehörten zu seinen Partnern. Im Herbst traf er sich in Berlin u.a. mit Carl Friedrich Goerdeler, dem ehemaligen Oberbürgermeister von Leipzig, vorgesehener Reichskanzler des Widerstandes und Jakob Kaiser. Der Bruder von Goerdeler wurde auch am 1. März hingerichtet. Es ging bei diesem Gespräch um sozial- und ernährungspolitische Fragen nach einem Umsturz. Über Goerdeler kam er auch in Kontakt mit Ludwig Beck, der als Generalstabschef des Heeres die gesamte Generalität 1938 zum Rücktritt aufforderte, um damit dem Kriegstreiben Hitlers ein Ende zu setzen. Über Fritz Voigt sind Kontakte zu Wilhelm Leuschner und Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg anzunehmen. Es ist zu vermuten, dass er bei einem Kölnbesuch 1941 auch Kontakt mit dem Kölner Kreis aufnahm. Ich (Ernst Leuninger) durfte im Auto mit ihm durch Köln fahren, aber musste bei allen Besuchen im Auto sitzen bleiben.

Er hat verständlicherweise über diese seine Arbeit und Kontakte nicht viel gesprochen. In seiner Heimat sprach er einmal im engsten Kreis seiner Verwandten über die Schrecken der Konzentrationslager und der Gewaltherrschaft. Er sagte: „Die Verbrechen sind so furchtbar, dass sie nur mit dem Blut der Besten gesühnt werden können.“

Wenige Wochen nach dem 20. Juli 1944 wurde er verhaftet. Im Haftbefehl war u.a. zu lesen: „Leuninger hat bereits 1941/42 von dem ihm von früher gut bekannten ehemaligen sozialdemokratischen Gewerkschaftssekretär Fritz Voigt erfahren, dass gewisse Kreise des Adels und der Wirtschaft zur Herbeiführung eines Sonderfriedens mit den Westmächten eine Änderung der Regierung anstrebten. ... Auch Leuninger erklärte sich zur Mitarbeit für die neue Regierung durch Überwachung der wirtschaftlichen Organisation bereit.“ Während er im Gefängnis war, befand sich seine Frau auf der Flucht von Breslau in den Westen und seine drei Söhne waren beim Militär.

In einem seiner letzten Briefe aus dem Gefängnis schrieb er: „Ich habe mein Schicksal in die Hände des Herrgotts gelegt. Wie er es macht, so wird es schon richtig sein.“

6.4 Kirche unter Zwangsarbeitern

Es liegen Berichte und Zeugnisse von Priestern und Aktivsten der JOC (französische CAJ) über die Seelsorge unter den französischen Zwangsarbeitern in der Zeit von 1943-1945 vor. Priester haben sich oft mit verkehrten Pässen unter die Zwangsarbeiter begeben, um ihnen als Seelsorger nahe zu sein. Besonders die JOC spielte dabei ein große Rolle. Nicht nur in Frankfurt sondern auch in anderen Städten wurde so gearbeitet, Marcel Callo ist ein Zeugnis dafür. Viele wurden auch Opfer des Nazisystems. In Diez war ein Straflager, die Opfer wurden auf dem Friedhof bei Dietkirchen beerdigt. Marcel Callo gehörten zu den Martyrern dieser Zwangsarbeiter.

Marcel Callo (CAJ)

Marcel Callo wurde am 6. Dezember 1921 in Rennes (Frankreich) geboren, gestorben ist er. am 19. März 1945 im KZ Mauthausen
Seine Kindheit und Jugend verlebte er  in Rennes/Frankreich. Marcel Callo war ein junger Buchdrucker aus Rennes (Frankreich). Er stammte aus einer tief religiösen Familie mit neun Kindern, arbeitete aktiv bei den Pfadfindern mit und trat mit 13 Jahren, zu Beginn seiner Druckerlehre, der Christlichen Arbeiter-Jugend (CAJ) bei. Der fröhliche, bescheidene, mit Christus verbundene Jungarbeiter schöpfte aus der hl. Eucharistie die Kraft für sein Wirken als "Apostel der Arbeiter". In seiner Pfarrei St. Albin leitete er die CAJ und war Vorkämpfer einer missionarischen Jugendarbeit.

Am 19. März 1943 ließ er sich zur Zwangsarbeit nach Deutschland abtransportieren: "Ich fahre als Missionar ... um anderen zu helfen durchzuhalten". Im Arbeitslager Zella-Mehlis (Thüringen) sammelte er deportierte Landsleute zum Gottesdienst und wurde für sie Krankenpfleger, Chorleiter und Verkünder des Wortes Gottes. Wegen seines religiösen Einsatzes unter den Kameraden verhaftete ihn die Gestapo am 19. 4. 1944. "Durch seine katholische und religiöse Aktion hat er sich als Schädling für die Regierung der nationalsozialistischen Partei und für das Heil des deutschen Volkes erwiesen", so lautete die Anklage. Nach mehr als fünf Monaten Haft in Gotha wurden die Konzentrationslager Flossenbürg und Mauthausen (mit Gusen I und Gusen II) die letzten Stationen seines jungen Lebens.

Leben und Sterben dieses jungen Märtyrers sind ein Zeugnis des Glaubens und des Friedens zwischen unseren beiden Völkern. Marcel Callo ist ein Vorbild und Fürsprecher für alle Christen, besonders für die junge Generation Europas und der ganzen Welt. Er wurde am 4. Oktober 1987 von Johannes Paul II. selig gesprochen.

Ernst Leuninger


März 2005

Prof. em. Dr. Ernst Leuninger, Diözesanpräses der KAB

Umkehr tut Not

Wir leben in unserer Gesellschaft in einer  ständigen Umverteilung, die Reichen werden reicher und die Armen immer zahlreicher. Seit Jahren gibt es schon keine realen Lohnzuwächse mehr und bei Krankheit und Alter ist Sparen angesagt. Die Gewinne von Großkonzernen sind teilweise Klasse, aber trotzdem wird kräftig entlassen. Das geschah in der letzten Zeit so eklatant, dass selbst führenden Sprecher aus der Industrie darauf hinwiesen, dass es auch eine Verantwortung für die Arbeitsplätze gebe. Dass Wirtschaft allen zu dienen hat ist in Vergessenheit geraten.  

Der angebotsorientierte Liberalismus sollte allen mehr bringen. Obwohl er schon seit zwanzig Jahren das Gegenteil bewiesen hat, lernen Wirtschaft, Politik und Medien aus diesen Fehlern nahezu nichts. Es wird immer noch mehr an dieser Schraube gedreht und es geht immer mehr bergab. Viele werden abgehängt, jetzt bricht es auch in den Mittelstand ein. Es wir auf unserer mangelnde Exportfähigkeit hingewiesen, dabei sind wir Weltmeister im Export. Durch unsere hohe Produktivität spielt der Arbeitslohn nur noch eine geringe Rolle.  

Aber die 70% Anteil die der Binnenmarkt hat stagnieren. Hier müsste zugelegt werden. 20% unser Kapazitäten werden nicht genutzt, 12% Arbeitslose das ist nicht zu fassen. Und trotzdem wird dauernd die Massenkaufkraft geschwächt und damit zugleich der Binnenmarkt. Mit dieser Methode des Shareholder Value (nur auf den Gewinn der Aktien schauen) richten wir unser Land zu Grunde. Nur durch eine Umkehr zu sozial verträglicher Ausgewogenheit von Angebot und Nachfrage kann unsere Wirtschaft wieder ins Gleichgewicht bringen. Soziale Marktwirtschaft will den Gewinn, will aber auch das Wohl aller Menschen, sie basiert auf sozialer Gerechtigkeit. Das ist keine Unwort, wie manche meinen, sondern die Chance für neuen Wohlstand für alle. 

Was unser Land zukunftsfähig macht ist Bildung. Ein normales Studium kostet 60.000 €, da reicht meist auch Bafög nicht aus. Durch Studiengebühren wird es noch teurer. Österreich hat die bittere Erfahrung schon machen müssen, dass durch Gebühren die Studierendenzahlen abnehmen. Bei allen Zuschüssen verbleibt für die meisten doch ein erheblicher Schuldenberg. Entsprechend Darlehensmodelle werden ja schon entwickelt. Pisa hat  bewiesen, dass die Frage des Studienabschlusses auch eine Frage des Einkommens der Eltern ist. Das wird sich verschärfen. Die von der KAB geforderte Chancengerechtigkeit geht verloren zum Schaden ärmerer Eltern und auf Dauer für die ganze Gesellschaft.  

Umkehr tut Not, sonst nehmen wir uns die Zukunft. Auch hier glaubt man wieder an das sogenannte Allheilmittel der Privatisierung, das wird auch hier nicht bringen. Hier spielen Politiker mit dem Feuer. Alle müssen die Chance zu qualifizierter Bildung haben, das ist unser größter Standortvorteil, kehren wir um zu mehr sozialer Gerechtigkeit.

E. Leuninger

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Geändert: 20.07.04 Dr. Ernst Leuninger